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Starre Trennung zwischen Ambulant und Stationär ist Versorgungshindernis

17.06.2015 – roger_jaeckel_privat“Das größte Versorgungshindernis ist nach wie vor die starre Trennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung, aber auch zwischen kurativen, rehabilitativen und pflegerischen Leistungen”, sagt Roger Jaeckel, Leiter Gesundheitspolitik der GSK, im Exklusiv-Interview mit VWheute. So werde die Versorgungsstruktur der Zukunft vor allem “von der Ambulantisierung der Medizin und dem demographischen Wandel bestimmt sein”.

VWheute: Welches sind in Ihren Augen die neuen Versorgungsformen?

Roger Jaeckel: Der neue geschaffene Innovationsfonds zielt darauf ab, nur solche neuen Versorgungsformen zu fördern, die über die bisherige Regelversorgung hinausgehen und insbesondere eine Verbesserung der sektorenübergreifenden Versorgung zum Ziel haben und darüber hinaus hinreichendes Potenzial haben, in Form von abrechenbaren Leistungen dauerhaft in die Versorgung aufgenommen zu werden.

Diese, vom Gesetzgeber stammende Formulierung ist zunächst sehr abstrakt gehalten und muss deshalb im nächsten Schritt durch einen neu zu etablierenden Innovationsausschuss konkret spezifiziert werden, denn für eine finanzielle Förderung dieser neuen Versorgungsformen ist eine entsprechende Antragstellung Voraussetzung. Im Ergebnis wird es sich vornehmlich um koordinative Leistungen handeln, die an der Schnittstelle zwischen ambulanter und stationärer Versorgung eine bessere Versorgungsqualität gewährleisten können.

Ich denke, dass die Versorgungsoptimierung chronisch und/oder multimorbid erkrankter Patienten einen zentralen Förderschwerpunkt einnehmen dürfte. Als wesentliche Herausforderung dürfte sich der vorgegebene zeitlich enge Förderzeitraum heraus kristallisieren, denn ein ausgerufener Ideenwettbewerb um neue, innovative Versorgungsformen erfordert Zeit und ist nicht auf Knopfdruck zu bewerkstelligen.

VWheute: Wie kann ein Innovationsfonds hier funktionieren?

Roger Jaeckel: Der Innovationsfonds ist vom Grundgedanken her ein sinnvoller Ansatz, verkrustete Versorgungsstrukturen aufzubrechen, um den Abstand zum medizinischen und medizinisch-technischen Fortschritt nicht noch weiter vergrößern zu lassen und patientenrelevante Versorgungsprozesse in den Mittelpunkt zu rücken. Die Ausgestaltung des Innovationsfonds ist jedoch sehr komplex geraten.

Das erkennt man u.a. daran, dass die Entscheidungsträger der Projekt- und damit der Mittelvergaben eine Abbildung der im Gemeinsamen Bundesausschuss vertretenen Institutionen darstellt, erweitert um Beteiligte des Bundesgesundheits- und Bundesforschungsministeriums. Darüber hinaus ist noch ein zusätzlicher Expertenbeirat zu bilden, der die fachliche Expertise zur Bewertung der eingereichten Förderprojekte beisteuern soll.

Die Finanzierung läuft indirekt über die gesetzlichen Krankenkassen, die Finanzmittel verwaltet aber das Bundesversicherungsamt und die Entscheidung über die Mittelverwendung trifft der Innovationsausschuss. Im Ergebnis als ein Geflecht also aus unterschiedlichen Zuständigkeitsbereichen und Regelungsebenen.

VWheute: Wie unterscheidet sich die Versorgungsstruktur 2020 von der heutigen? (Wo machen Sie Neuerungen im Gesundheitswesen besonders bemerkbar?

Roger Jaeckel: Das größte Versorgungshindernis ist heute nach wie vor die starre Trennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung, aber auch zwischen kurativen, rehabilitativen und pflegerischen Leistungen. Die Bemühungen des Gesetzgebers in den letzten Jahren zeugen von zahlreichen Versuchen und Maßnahmen, die Sektorengrenzen durchgängiger zu gestalten. Auch der neu geschaffene Innovationsfonds belegt, dass Handlungsbedarf besteht, die Gesundheitsversorgung auf allen Ebenen und zwischen allen Sektoren zu optimieren.

Die Versorgungsstruktur der Zukunft wird von der Ambulantisierung der Medizin und dem demographischen Wandel bestimmt sein. Das betrifft sowohl die medizinische Grundversorgung als auch die Spezialversorgung hoch komplexer und interdisziplinär zu behandelnder Erkrankungen. Der strukturelle Anpassungsbedarf vollzieht sich dabei nur sehr minimalistisch, nicht zuletzt aufgrund zahlreich divergierender Einzelinteressen der Beteiligten.

Grundsätzlich geht der Trend zu größeren Behandlungseinheiten wie ambulante Behandlungszentren. Das bedeutet kürzere Behandlungswege und eine deutliche Verringerung der in der Gesundheitsversorgung vielfach vorhandenen Versorgungsschnittstellen. Mit dem Innovationsfonds wird das Ziel einer Verbesserung der Versorgungsqualität zusätzlich unterstützt, sichtbare strukturelle Auswirkungen auf das gesamte Versorgungsgeschehen in Deutschland bis 2020 dürfen jedoch nicht erwartet werden.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Rafael Kurz.

Bild: Roger Jaeckel, Leiter Gesundheitspolitik der GSK. (Quelle: Privat)

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