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Arme Menschen sparen nicht fürs Alter

11.10.2016 – wolfgang_jaeger_Hans Boeckler StiftungDer neue Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung zeigt: Die Kluft zwischen den sozialen Schichten wird immer undurchlässiger. “Arm bleibt arm und reich bleibt reich. Das gilt aktuell noch deutlich stärker als vor 20 Jahren. Gleichzeitig sind die Abstände zwischen hohen und niedrigen Einkommen spürbar gewachsen”, erklärt Anke Hassel, wissenschaftliche Direktorin des WSI.

Die Hälfte der Armen schaffen es nicht, innerhalb von fünf Jahren aus der Armut herauszukommen. Für Angehörige der unteren Mittelschicht ist das Risiko des finanziellen Abstiegs gewachsen, stellen die Wissenschaftler fest. Wohlhabende hingegen haben tendenziell größere Aufstiegschancen. Parallel dazu hat die Ungleichheit bei der Einkommensverteilung einen neuen Höchstwert erreicht. Diese Gemengelage gefährde den sozialen Zusammenhalt in Deutschland und verletze das Prinzip der Chancengleichheit, warnt das WSI.

Im Jahr 2013 lag das mittlere Einkommen eines Ein-Personen-Haushalts bei 19.597 Euro netto im Jahr. Als arm definiert die WSI-Expertin Personen, die weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens haben. Das entspricht einem Jahres-Einkommen unter 11.758 Euro. Vor allem am oberen und unteren Ende der Einkommenshierarchie zeigten sich deutliche Verfestigungen: Zwischen 1991 und 1995 schafften es noch rund 58 Prozent der Armen, in eine höhere Einkommensgruppe aufzusteigen. Knapp 20 Jahre später gelang das innerhalb von fünf Jahren nur noch 50 Prozent. “Insbesondere für Kinder wirkt sich lange Armut nachhaltig negativ aus”, sagt WSI-Verteilungsexpertin Dorothee Spannagel.

Auch für Angehörige der unteren Mittelschicht seien die Aufstiegschancen gesunken. Das Risiko, in die Armut abzurutschen, wächst in dieser Gruppe, trotz der guten Konjunktur, der Reallohnzuwächse und der Rekordbeschäftigung. In Deutschland werden die Gehälter im nächsten Jahr um 2,8 Prozent steigen, zeigt eine internationale Umfrage von Aon Hewitt unter Personalchefs. In kaum einem entwickelten Land ist die Lohnentwicklung so gut.

Arme bleiben arm und immer mehr Reiche bleiben dauerhaft reich. Zwischen 1991 und 1995 konnten sich rund 50 Prozent der sehr Reichen in der obersten Einkommensklasse halten. Von 2009 bis 2013 stieg der Anteil derer, die sich behaupten konnten, auf fast 60 Prozent.

Im internationalen Vergleich zeigt sich: Die soziale Mobilität, insbesondere zwischen Kinder- und Elterngeneration, ist fast nirgendwo so niedrig wie in Deutschland. “Das ist vor allem mit der sehr hohen Bildungsungleichheit zu erklären”, schreibt Spannagel. Bildung sei in Deutschland “stark vom sozialen Hintergrund des Elternhauses abhängig und damit die soziale Position, die die Kindergeneration später einnimmt”.

Dass das Altersvorsorgeproblem eine soziale Frage ist, bestätigt eine Untersuchung der Postbank: Vor allem fehlende finanzielle Mittel sind der Hauptgrund, der die Deutschen von der privaten Altersvorsorge und damit der Absicherung des Lebensstandards im Alter abhält. Hinzu kommen mangelndes Wissen und Desinteresse.

46 Prozent der Bürger verzichten auf private Vorsorge, ergab eine TNS-Emnid-Umfrage im Auftrag der Postbank. Über ein Drittel der Bundesbürger gaben an, keine Rücklagen für ihr Alter bilden zu können, weil sie über keine genügenden finanziellen Mittel verfügen. Weit verbreitet ist auch die Ansicht, dass die gesetzliche Rente für den Lebensabend ausreiche (34 Prozent). Dass man sich noch keine Gedanken über dieses Thema gemacht hat (32 Prozent) und sich private Vorsorge aufgrund des aktuellen Zinsniveaus nicht lohnt (27 Prozent), sind weitere Gründe.

“Je niedriger das eigene Einkommen, desto geringer die Motivation, aber auch die finanziellen Möglichkeiten, für das Alter Rücklagen zu bilden. Dies ist ein Teufelskreis”, erklärt Karsten Rusch von der Postbank. “Denn gerade die unteren Einkommensklassen sind ohne private Vorsorge in hohem Maß von Altersarmut bedroht.” Die Umfrage belegt: Private Vorsorge ist eine Frage des Einkommens – und auch der Bildung. Unter den Befragten mit Volks- oder Hauptschulabschluss sorgen lediglich 41 Prozent privat vor. Im Vergleich dazu verfügen jeweils rund 61 Prozent der Befragten mit mittlerem Bildungsabschluss oder Abitur bzw. Universitätsabschluss über eine private Altersvorsorge. (vwh/wo)

Bild: Wolfgang Jaeger, Geschäftsführer der Hans Böckler Stiftung. (Quelle: Hans Böckler Stiftung)

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