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Solvenzquote beschränkte Momentaufnahme

24.03.2016 – solvency_fotoliaDer Öffentlichkeit soll die Solvenzquote einfach signalisieren, ob ob ein Unternehmen auch in Extremszenarien genügend Eigenmittel zur Bedeckung seiner Risiken hat. In einer Sonderveröffentlichung weisen die deutschen Aktuare darauf hin, dass methodisch einige Fragen offen bleiben und die Quoten tatsächlich schwer interpretierbar sind.

Für die Unternehmenssteuerung überwiegen langfristig die Chancen, schreibt die Deutsche Aktuarvereinigung DAV in einem ausführlichen Hintergrund. Allerdings sind Solvenzquoten stets eine Stichtagsbetrachtung und als solche nur Indikatoren für die Unternehmenslage. Eine vorschnelle Beurteilung der Finanzstärke eines Versicherers auf Grundlage einer Solvenzquotenausweisung ist aus aktuarieller Sicht nicht ratsam.

Folglich dürfte es nur noch Spezialisten, wie z. B. Aktuaren, möglich sein, solche Modelle zu verstehen. Ein Punkt, der bereits seit einigen Jahren von der Deutschen Aktuarvereinigung e.V. (DAV) immer wieder kritisch angemerkt wird. Ein Dilemma besteht für die DAV darin, dass einerseits die Reduktion auf die Solvenzquote als einzelne Zahl nicht sachgerecht und andererseits die Berechnung selbst für Fachleute kaum nachvollziehbar ist.

Hinter der einfachen Prozentangabe stecken hochkomplexe Simulationen

Wie auch Moody’s weisen die Deutschen Aktuare darauf hin, dass ein sachgerechter Vergleich von Solvenzquoten schwieriger als zuvor ist (siehe POLITICS). Übergangsregelungen oder Mechanismen wie das “Volatility Adjustment“ oder das “Matching Adjustment” seien zu beachten – auch, ob ein Unternehmen gemäß Standardformel oder internem Modell ermittelt.

Bei der Ermittlung des Solvenzkapitals seien hochkomplexe Berechnungen vonnöten: Dabei sind insbesondere in der Lebensversicherung künftige Kapitalerträge, Lebenserwartungen, Kündigungsverhalten der Kunden und die Überschussbeteiligungspolitik des Unternehmens zu simulieren.

Kleine Veränderungen in den Projektionsannahmen können große Auswirkungen auf die Marktwerte der Versicherungsverträge haben, warnt die DAV. Die Einzelrisiken umfassen dabei unter anderem Aktienrisiken, Kreditrisiken oder Immobilienrisiken in der Kategorie Marktpreisrisiko oder das Eintreten versicherungstechnischer Schadenfälle in der Kategorie Versicherungstechnisches Risiko.

Durch die lange Projektionsdauer von bis zu 100 Jahren können bestimmte Größen auch Hebelwirkungen entfalten, da sie für die gesamte Dauer anzusetzen sind. Insbesondere ist der große Einfluss des Zinsmarktes zu nennen.

Ein weiteres Problem ist für die deutsche Aktuarvereinigung, dass kurzfristige Schwankungen in den Marktparametern bereits zu großen Veränderungen der Solvenzquoten führen können. Das stellt jedoch einen fundamentalen Widerspruch zur Steuerung eines Versicherungsunternehmens dar, das gerade in der Leben- und Krankenversicherung auf langfristige Stabilität abzielt und aufgrund seiner Anlagestrategie im Gegensatz zu einer Bank weniger von kurzfristigen Schwankungen am Kapitalmarkt betroffen ist.

Berechnung der Solvenzquote

Ist diese Quote im Verhältnis von SCR (Solvency Capital Requirement) zu AFR (Available Financial Ressources) größer als 1, also 100 Prozent, ist das Unternehmen so kapitalisiert, dass es alle Risiken der Standardformel mit 99,5-prozentiger Sicherheit ein Jahr lang verkraften kann. Ein kleines Restrisiko von 0,5 Prozent bleibt, weil die schon als extrem zu bezeichnenden Risiken in der Realität vielleicht noch etwas extremer ausfallen könnten.

Berechnungen werden künftig alle drei Monate durchgeführt, um den sich ständig ändernden Marktgegebenheiten Rechnung zu tragen. Für die Öffentlichkeit wie für die Aufsicht und die Unternehmen stellt sich in den kommenden Jahren die Frage, welche Aussagekraft Quoten haben, die von Quartal zu Quartal wie ein Aktienbarometer rauf- und runtergehen.

Bernardino sieht Aktuare in der Verantwortung

Die Deutsche Aktuarvereinigung zieht den Schluss, dass Skeptiker recht behalten werden, wenn die Aussagekraft komplexer Modelle überinterpretiert wird.

Eiopa-Chef Gabriel Bernardino ist sich bewusst, dass erst die Erfahrung endgültig Sicherheit geben wird: “Wir werden evidenzbasiert beurteilen, ob die zur Berechnung der Solvenzkapitalanforderung in der Standardformel eingesetzten Methoden, Annahmen und Standardparameter geeignet sind und wir werden die Europäische Kommission entsprechend beraten”, sagt er im Interview mit der DAV.

Er sieht die Aktuare künftig mehr in der Verantwortung: “Die Aktuare müssen einen größeren Beitrag zu Produktgestaltung und Produktaufsicht sowie zu den Entscheidungsfindungsprozessen leisten, indem sie ein umfassendes Verständnis der Gesamtrisikosituation der Versicherungsgesellschaften vermitteln. Nur durch dieses zusätzliche Engagement werden Aktuare auch weiterhin eine wichtige Rolle in den strategischen Entscheidungsfindungsprozessen spielen und aktiv zur künftigen Nachhaltigkeit des Geschäfts beitragen können.” (vwh/ku)

Bildquelle: Fotolia

Das Dossier basiert auf den Einzelartikeln “Solvenzquote – Momentaufnahme mit beschränkter Aussagekraft”, “Solvency II: Mehr als eine Zahlenwüste” und dem Interview mit Gabriel Bernardino, “Versicherungen müssen transparenter werden”, erschienen in Aktuar Aktuell, März 2016

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