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Robo-Advisor: Algorithmen sind auf dem Vormarsch

20.12.2016 – mariusz_janczewski_comarch Von Mariusz Janczewski, IT-Berater im Bereich Versicherungen bei Comarch. “Der direkte Kontakt zu Finanzberatern scheint in der Versicherungsbranche weiterhin die vorherrschende Variante zu sein. Die Frage, ob dieses Phänomen für immer so bleibt oder allmählich verdrängt wird, hängt in großem Maße von den Kunden und ihren Präferenzen ab. Bisher setzt lediglich ein Prozent aller Versicherungsunternehmen weltweit auf künstliche Intelligenz und Robo-Advisor-Tools”, erläutert Janczewski.

Seit Computer in der Lage sind, Menschen im Schach zu besiegen und sogar Go zu spielen, gibt es immer weniger Bereiche, in denen noch keine Computer eingesetzt werden. Den Kunden die Möglichkeit zu geben, ihr Versicherungsprodukt und mögliche Varianten selbstständig auszuwählen, zusätzliche Risiken oder Klauseln zu berücksichtigen und schließlich sogar die Versicherungsbeiträge online zu berechnen, ist lediglich der erste Schritt in Richtung Roboterisierung der Versicherungsbranche.

Robo-Advisor versus persönliche Berater

Vorreiter in der Finanzbranche im Bereich Robo-Advisor war das 1996 von William Sharpe gegründete Unternehmen Financial Engines, das seinen Kunden erstmals die Möglichkeit bot, ihre Kapitalanlagen übers Internet zu verwalten. Und genau hier in der Investitionsbranche konnten sich Robo-Advisor dauerhaft etablieren. Eine wahre Flut solcher Unternehmen folgte 2008 mit der Gründung der Vermögensverwalter Betterment und Wealthfront. Die Funktionsweise der eingesetzten Systeme ist stets sehr ähnlich (siehe BLICK). Zunächst muss ein Onlineformular ausgefüllt werden, in dem der Kunde seine Investitionsziele und Risikobereitschaft angibt. Auf Basis dieser Angaben schlägt das System ein entsprechendes Portfolio vor. Die Modelle sind in der Regel auf den Handel mit günstigen Aktien und Investmentfonds ausgelegt. Interessant ist die Tatsache, dass solche Systeme in der Lage sind, über einen gewissen Zeitraum Maßnahmen zu ergreifen, um die Gewichtung des Portfolios wiederherzustellen und dadurch Renditen und Steuern zu optimieren. All das völlig automatisch und kostengünstig.
Ausgerechnet diese Kostenersparnis stellt nun die größte Gefahr für Finanzberater und traditionelle Investitionsfirmen dar. Die Kunden lassen sich auf eine Anlageberatung durch Roboter ein, um die Verwaltungsgebühren für ihr Portfolio einzusparen. Für manche Anleger ist dies zudem eine hervorragende Möglichkeit, die menschliche Komponente aus dem Investitionsprozess auszuschließen. Traditionelle Anlageberater üben auf ihre Kunden mitunter zu häufig Druck dahingehend aus, bestimmte Transaktionen durchzuführen oder ihre Portfoliozusammenstellung zu ändern, um für sich selbst höhere Margen zu erzielen, anstatt dem Kunden die bestmögliche Rendite zu verschaffen. Zahlreiche Anlageexperten vertreten sogar die Ansicht, dass Robo-Advisor-Programme in der Lage sind, vorteilhafter zu investieren als ihre menschlichen Pendants. Im Gegensatz zu Menschen unterliegen computergesteuerte Algorithmen keinen Gefühlsschwankungen und lassen sich nicht von vorübergehenden Trends zur Investition in bestimmte Wertpapiere verleiten. Dafür liegen die Stärken der Algorithmen vorrangig in der langfristigen Aufrechterhaltung des Portfoliowerts und seiner stufenweise Steigerung.

So sieht die Wirklichkeit aus

Am meisten verbreitet sind die Robo-Advisor in den USA, dort gibt es über 200 Firmen, die sie einsetzen. Aber auch in Europa und Asien sind zahlreiche Unternehmen in diesem Bereich tätig. Schätzungen des Marktforschungsunternehmens MyPrivateBanking Research zufolge wurde Ende 2015 ein Anlagevolumen in Höhe von insgesamt 20 Bio. US-Dollar durch Robo-Advisor verwaltet. Fast 80 Prozent dieser Vermögenswerte wird von Robo-Advisor aus den USA verwaltet. Und alles deutet darauf hin, dass diese Art der Anlageberatung gerade erst so richtig ins Rollen kommt. Den Marktprognosen zufolge wird der Wert der im Rahmen der computergesteuerten Anlageberatung verwalteten Aktiva im Laufe der nächsten fünf Jahre auf ca. 450 Bio. US-Dollar ansteigen. Die eingesetzten Technologien und das in den Systemalgorithmen verwendete Wissen scheinen einen vollständigen Wandel des Investitionsmarktes herbeizuführen. So handelt es sich bei den Robo-Advisor von heute nicht nur um kleinere Start-Ups oder mittelgroße Investmentunternehmen. Selbst weltweite Marktführer wollen diese Tools verstärkt einsetzen. Die Sparte „Robo-Advisor” ist der Teilbereich der Finanztechnologie (Financial Technologies, Fintech), der am schnellsten Kapital bindet.

Robo-Advisor werden sowohl von privaten Investoren und Unternehmen, die ihr Eigenkapital anlegen möchten, als auch von Investmentunternehmen zur Verwaltung des Fremdkapitals ihrer Kunden genutzt. Viele dieser Unternehmen kaufen die benötigten Tools, nicht selten auch die gesamten Start-Ups. Manche Unternehmen hingegen setzen auch auf den Aufbau eigener Robo-Advisor-Systeme.
Durch die Automatisierung gehen viele Arbeitsplätze verloren. Untersuchungen der Oxford University zufolge könnten infolge der Digitalisierung in den nächsten 20 Jahren fast die Hälfte der heutigen Arbeitsplätze in den USA wegfallen. Eine ähnliche Gefahr stellt die Robo-Advisor-Welle dar. Trotzdem sind die meisten Marktbeobachter der Meinung, dass die Kunden auch zukünftig auf die Zusammenarbeit mit Finanzberatern angewiesen bleiben werden. Für viele sind der persönliche Kontakt und das gegenseitige Vertrauen weiterhin von grundlegender Bedeutung. Insbesondere, wenn es sich um umfassende Investmentprodukte und Anlagestrategien handelt, die die Kunden lebenslang binden.

Und wie sieht es bei den Versicherungen aus?

In der Versicherungsbranche scheint weiterhin der direkte Kontakt zu Versicherungsmaklern vorzuherrschen. Nun stellt sich die Frage, ob dieses Phänomen für immer bestehen bleiben oder allmählich in Vergessenheit geraten wird? Diese Entwicklung wird in besonderem Maße von den Kunden und ihren Präferenzen abhängen. Bisher setzt laut Schätzungen des Marktforschungsunternehmens Gartner lediglich 1 Prozent aller Versicherungsunternehmen weltweit auf künstliche Intelligenz und Robo-Advisor-Tools. Aus dem von Celent veröffentlichten Bericht geht hervor, dass Robo-Advisor mit Sicherheit nicht in der Lage sein werden, das gesamte Spektrum möglicher Versicherungsangelegenheiten zu bearbeiten. Je weniger komplex ein Produkt ist, desto geeigneter ist der Einsatz von Robo-Advisor – denn kostengünstigen Angeboten gehört die Zukunft. Robo-Advisor stecken in der Versicherungsbranche zwar noch in den Kinderschuhen, man sollte ihre Möglichkeiten jedoch nicht unterschätzen. Zahlreiche Firmen sind bereits nur mit einer Onlinepräsenz vertreten, wie beispielsweise EchoSage, Sygnia, FinanceFox, Insurify, Sherpa und Knip. (vwh)

Bild: Mariusz Janczewski ist IT-Berater im Bereich Versicherungen bei Comarch. (Quelle: Comarch)

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