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Risikomarkt Telemedizin: Erlösung durch digitale Krankenversicherer?

12.08.2016 – Beckers Rainer - quelle ZTGGesundheitsexperten diskutieren auf dem “1. Bochumer Branchentreff Gesundheit” über die Potenziale der Telemedizin. Die Teilnehmer sind überzeugt: Nicht nur Patienten, sondern auch die Versicherer profitieren von diesem Megatrend. Trotz der Anbieter Oscar oder Ottonova, “der Durchbruch für die Telemedizin muss und wird letztlich aus der Medizin kommen”, erklärt Rainer Beckers, Geschäftsführer des Zentrums für Telematik und Telemedizin gegenüber VWheute.

VWheute: Verbesserung der Versorgungsqualität einerseits, eine Kostenreduktion andererseits. Mithilfe der Telemedizin verspricht der Gesundheitssektor zum Boom-Markt zu werden. Auf welchem Stand ist die derzeitige Entwicklung?

Rainer Beckers: Sicherlich wird der Gesundheitssektor in den nächsten Jahrzehnten stark wachsen. Die Telemedizin wird dabei ein entscheidender Beitrag sein, dieses Wachstum nutzerorientiert zu gestalten und finanzierbar zu halten. Vor allem Bundesländer wie beispielsweise NRW fördern deshalb seit Jahren Telemedizin-Projekte. Nutzerorientierung bedeutet, die Technologien nicht um ihrer selbst willen einzusetzen, sondern so, dass sie den Menschen wirklich nützt. Das heißt zum Beispiel, dass Therapien orts- und zeitunabhängiger gestaltet werden können, um auch pflegebedürftige Patienten und Patientinnen optimal versorgen zu können. Die Telemedizin ist auch deshalb eine patientenorientierte Medizin, da sie vollkommen neue, objektive Datengrundlagen schafft. Lebensstil, Vitalwerte, Umgebungsfaktoren, all das kann zukünftig in therapeutische Entscheidungen einfließen. Therapieverläufe lassen sich so  online und kontinuierlich monitoren. Wenn etwas aus dem Ruder läuft, kann der Arzt individueller und schneller reagieren.

VWheute: Barmenia testet die Telemedizin mit Teleclinic (siehe , Ottonova geht bald an den Start) und in den USA hat der digitale Krankenversicherer Oscar bereits 135.000 Mitglieder. Verhelfen diese Anbieter der Telemedizin zum Durchbruch?

Rainer Beckers: Sicher wird das Gesundheitswesen und insbesondere die Versicherungswirtschaft auch zunehmend die administrativen Prozesse digital umstellen und auch neue Services anbieten. Die Versicherten erwarten diese Servicequalität. Die Qualität der Beratung ist schließlich nicht davon abhängig, dass man sich gegenüber sitzt. Dies würde ich aber nicht im engeren Sinne als Telemedizin verstehen. Der Durchbruch für die nutzerorientierte Telemedizin muss und wird letztlich aus der Medizin kommen.

VWheute: Wer soll die Telemedizin finanziell fördern und wer profitiert von deren Anwendung?

Rainer Beckers: Ich bin mir sicher, dass die Patientinnen und Patienten die eigentlichen Profiteure sein werden. Was die Finanzierung der Telemedizin im engeren Sinne angeht, ist man zumindest in Deutschland wirklich bei einem schwierigen Thema, auch wenn sich allmählich positive Änderungen abzeichnen. Ich versuche es mal in wenigen Sätzen zu skizzieren: Wenn Telemedizin für jeden verfügbar sein soll, muss sie für die Ärzte abrechnungsfähig sein. Voraussetzung dafür ist, dass ihr Nutzen belegt ist. Genau hier sehe ich jedoch momentan den wichtigsten Regelungsbedarf. Es geht nicht an, die Anforderungen an den Nutzennachweis so hoch zu legen, als wäre Telemedizin gleichermaßen riskant wie ein hochwirksames Medikament. Hier gibt es eine Menge Regularien, die neu interpretiert werden müssten. Ich gehe davon aus, dass dies sogar im Interesse der Krankenkassen sein wird, da Telemedizin durchaus in der Lage ist, Kosten zu reduzieren und Qualität zu steigern. Versicherungsunternehmen, die dieses Potenzial erkennen, werden also profitieren. Wir alle aber können zu den Verlierern gehören, wenn das Gesundheitswesen in dieser Hinsicht nicht innovationsfreundlicher wird.

VWheute: In Deutschland darf ein Arzt ein telefonisches oder Online-Behandlungsgespräch mit einem Patienten nur führen, wenn er ihn auch persönlich behandelt. Ist dieses sogenannte Fernbehandlungsverbot eine Hürde bei der praktischen Anwendung der Telemedizin?

Rainer Beckers: Das Fernbehandlungsverbot zählt sicher nicht zu den wesentlichen Hürden der Telemedizin in Deutschland. Es fehlten hier aber lange Zeit Interpretationshilfen, um die nachvollziehbare Verunsicherung der Ärzteschaft abzufangen. Dies hat die zuständige Bundesärztekammer nun dankenswerter Weise im letzten Jahr nachgeholt. Auf eine einfache Formel gebracht: Demnach ist schon jetzt jede Form von Telemedizin erlaubt, wenn sich Arzt und Patient bereits einmal persönlich gesehen haben. Für die Modernisierung unseres Gesundheitswesens durch Telemedizin bleiben also reichlich Spielräume.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur David Gorr.

Bild: Rainer Beckers, Geschäftsführer vom Zentrum für Telematik und Telemedizin (ZTG) in Bochum.

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