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Rettung für die klassischen Garantien

02.03.2016 – Lazic_PrivatDie Klassik in der Lebensversicherung ist keineswegs tot. Davon ist Daroslav Lazic, Geschäftsführer des Instituts für Versicherungswissenschaften in Leipzig, überzeugt. Die Wissenschaft schafft hier den Perspektivwechsel für neue Impulse, erklärt er im Interview mit VWheute zum Vorlesungstag in Leipzig. Dort will er einen Perspektivwechsel für das Produkt propagieren.

VWheute: Ist die Klassik in der Lebensversicherung überhaupt zu retten?

Daroslav Lazic: Zunächst ist die Frage, was überhaupt als „Klassik“ verstanden wird. Hier ist der Markt sehr diffus und heterogen. Häufig wird bei der „Klassik“ die nominelle Zinsgarantie oder die Absicherung des Langlebigkeitsrisikos in den Vordergrund gestellt. Das ist nach meinem Verständnis ein falscher Ansatz und wird der Lebensversicherung nicht gerecht. Die Grundkonzeption der Klassik beinhaltet in der Ansparphase eine kollektive Reserve und damit auch einen Risikoausgleich im Kollektiv bzw. zwischen verschiedenen Sparergenerationen bezogen auf Kapitalmarktrisiken. Sofern diese Grundkonzeption in den Vordergrund gestellt wird, dann muss die Antwort eindeutig „ja“ lauten. Allerdings ist natürlich klar, dass sowohl die Produktgestaltung als auch der institutionelle Rahmen insbesondere aufgrund veränderter Kapitalmarktbedingungen modifiziert bzw. überdacht werden müssen.

VWheute: Inwiefern hilft ein Perspektivwechsel dem Geschäftsmodell?

Daroslav Lazic: Ein Perspektivwechsel hilft dem Geschäftsmodell in der Form, dass die Lebensversicherung kein Sparprodukt ist. Das klingt vermutlich irritierend, aber bezogen auf den Sparprozess und die damit verbundenen Kapitalmarktrisiken ist die Lebensversicherung ein Versicherungsprodukt. Die Unterscheidung ist fundamental für das Geschäftsmodell und insbesondere auch für die strategische Positionierung von Lebensversicherungsunternehmen. Die Wertentwicklung des Kapitalanlageportfolios des Lebensversicherungsunternehmens und die individuellen Ansprüche des Versicherungsnehmers verlaufen aufgrund einer kollektiven Reserve asymmetrisch, wodurch sich der Sparprozess in der Lebensversicherung fundamental von „einfachen“ Sparprozessen unterscheidet. Die Höhe der kollektiven Reserve resultiert aus den nicht ausgeschütteten Gewinnen an die einzelnen Versicherungsnehmer, wobei eine Sammlung von Überschussanteilen in der kollektiven Reserve auch künftigen Versichertengenerationen zugutekommt. Mit Hilfe des Risikoausgleichs im Kollektiv und in der Zeit „versichert“ das Lebensversicherungsunternehmen Kapitalmarktrisiken – sowohl innerhalb einer Sparergeneration als auch zwischen verschiedenen Sparergenerationen. Die kollektive Reserve schützt den einzelnen Versicherungsnehmer vor kurzfristigen Kapitalmarktschwankungen und ist ursächlich für die Verstetigung seines Vermögens, wobei durch die kollektive Reserve Risikokapital und damit Sicherheit aus der Versichertengemeinschaft heraus generiert wird. Das ist natürlich sehr abstrahiert dargestellt, allerdings sollten diese Zusammenhänge sowohl in der Produktgestaltung als auch beim institutionellen Rahmen und künftig viel stärker in der Kommunikationspolitik der Versicherer berücksichtigt werden. Darüber hinaus gibt es dann detaillierte Fragen wie die nach „Generationsgerechtigkeit“, Transparenz oder Kosten zu klären und zu beleuchten. Die Grundkonzeption ist allerdings effizient und nutzenstiftend für die Sparer.

VWheute: Welche Chance geben Sie komplett neuen Produkten wie Universal Life, Reverse Mortgage und Co., in die Bresche der Klassik zu springen?

Daroslav Lazic: Viele Produktgattungen versuchen aktuell in die „Bresche“ der Klassik zu springen. Hierzu zählen auch die “Neue Klassik” und unterschiedlichste Hybridprodukte. Der Markt ist aus meiner Sicht derzeit relativ dynamisch, aber auch heterogen. Ich bezweifle, dass die “modernen” Lebensversicherungsprodukte – als Oberbegriff für die verschiedensten Produktgattungen – immer einen Vorteil für den Kunden bringen. Auch eine positive Entwicklung bei der Transparenz ist nicht immer ersichtlich. Insgesamt sind meines Erachtens die verschiedenen Altersvorsorgeprodukte für den Kunden, vermutlich auch für viele Vermittler, nicht mehr zu verstehen. Ich persönlich würde auch anzweifeln, dass Altersvorsorgesparen und völlige Flexibilität – obwohl der Kunde das wünschen mag – zueinander passen. Hier wäre auch eine offene Kommunikation der Politik wünschenswert.

VWheute: Welchen Beitrag leistet die Forschung hier für die Praxis?

Daroslav Lazic: Die Wissenschaft bzw. die Forschung hat hier eine sehr wichtige Aufgabe. Nach meiner Wahrnehmung ist der komparative Vorteil des kollektiven Sparens in der Wissenschaft anerkannt. Hierbei sind allerdings Untersuchungen eher modelltheoretisch und bilden nicht immer den aktuellen Rechtsrahmen ab. Diese Vorgehensweise ist für die Wissenschaft hilfreich, um grundlegende Wirkungsweisen und Zusammenhänge zu erkennen und Schlussfolgerungen abzuleiten. Daraus ergeben sich aber für die Produktgestaltung und damit für die Praxis weitere Fragestellungen, die durch Wissenschaft und Forschung begleitet werden können. Wissenschaft kann hier auch als Korrektiv und Impulsgeber für Entwicklungslinien dienen und eben auch einen Perspektivwechsel herbeiführen.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Rafael Kurz

Bild: Daroslav Lazic, Geschäftsführer des Instituts für Versicherungswissenschaften in Leipzig (Quelle: Privat)

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