Versicherungswirtschaft-heute

          Mobilversion

 

- Anzeige -

Quoteln – keine exakte Wissenschaft

16.06.2016 – Wohngebaeude_Wiesbaden112/Sebastian StenzelSeit Aufhebung des “Alles-oder-Nichts-Prinzips” wird beim Schadenfall am oder im Wohngebäude zunächst das Maß des Verschuldens festgestellt. “Da wir Jurisprudenz betreiben, die keine naturwissenschaftliche Methodik hat, ist alles letztendlich eine Frage der Wertung”, erklärt Horst Hiort, Geschäftsführer des Versicherungsombudsmanns.

Unter dem “Alles-oder-Nichts-Prinzip” bis 2008 habe der Versicherungsschutz “auf des Messers Schneide” gestanden. “Wenn so gerade eben der Bereich der groben Fahrlässigkeit erreicht war, fiel der Versicherungsschutz vollständig weg. Wurde diese Schwelle jedoch nur fast erreicht, gab es volle Leistung. Deshalb ist es vorgekommen, dass das gewünschte Ergebnis dann irgendwie begründet wurde. Das hat mit der neuen Regelung abgenommen. Krasse Fehlentscheidungen kommen nicht mehr vor”, sagt er.

In der Praxis habe sich bei den WOhngebäudeversicherern mittlerweile eine gewisse Routine hinsichtlich angemessener Leistungskürzungen entwickelt. Beim Ombudsmann hat man nicht den Eindruck, dass die Quoten unangemessen sind. Die Reaktionen der Versicherten sind nach Beobachtung von Hiort unterschiedlich. “Manche sind froh, überhaupt etwas zu bekommen, insbesondere dann, wenn sie wissen, wie die frühere Regelung war oder auch etwas schuldbewusst sind. Andere sind oder wären nur dann zufrieden, wenn sie alles bekommen. Dies scheint mir mehr ein Frage des Anspruchsdenkens oder fehlender Selbstkritik als ein versicherungsrechtliches Problem zu sein.”

Eine besondere Gefahrenquelle für Gebäude ist Frost, warnt Rechtsanwalt Rainer Heß. In einem Aufsatz in der Zeitschrift “Recht und Schaden” zeigte er auf, dass die Gerichte bei fehlender Vorsorge gegen Frost regelmäßig mehr als 50 Prozent des Schadenersatzes kürzen. Die einschlägigen Quotierungskriterien seien, so Heß, sehr kalte Temperaturen, langer Leerstand, Lage des Objekts, ignorierte Hinweise auf Frostgefahr, Vorschäden des Versicherungsnehmers. Kürzungen auf Null ließen sich nur im Einzelfall, wenn der Versicherungsnehmer vorsätzlich handele oder zumindest sein Verhalten ganz nahe am Vorsatz liege, rechtfertigen. Eine solche “Nullnummer” für den Versicherungskunden müsse wie BGH-Urteile zeigten, aber jeweils besonders begründet werden.

Ganz leer geht man nur in den seltensten Fällen aus. So erhielt eine Frau aus Niedersachsen wegen grob fahrlässigen Verhaltens 90.000 Euro von ihrem Gebäudeversicherer, der Gesamtschaden hatte 133.000 Euro betragen. Die Dame hatte einen Kochtopf mit bereits heißem Fett auf der Gasflamme stehen lassen und war zur Toilette gegangen. Die wenigen Minuten ihrer Abwesenheiten reichten, um nicht nur das Fett zu entzünden, sondern über die Dunstabzugshaube die Zwischendecke der Küche in Brand zu setzen. Das Landgericht Göttingen, bei dem die ungeschockte Köchin gegen die Leistungskürzung klagte, hielten sogar eine Leistungskürzung wegen grob fahrlässigem Verhalten an einer sehr hohen allgemeinen Gefahrenquelle um 40 Prozent für gerechtfertigt. Somit hätte der Versicherer nur 79.000 Euro leisten müssen. (vwh/lie)

Bildquelle: Wiesbaden112/ Sebastian Stenzel

Report: Keine exakte Wissenschaft – Seit 2008 wird in der Wohngebäudeversicherung „gequotelt“. Für die Leistungskürzungen gibt es keine festgelegte Berechnungsformel. (Einzelbeitrag)

- Anzeige -
- Anzeige -
- Anzeige -

 

VVW | Kontakt | AGB | Datenschutzerklärung | Impressum | Mediadaten