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“Natürliche Entwicklung in einem dynamischen Wirtschaftszweig”

10.03.2016 – oletzky_ergo“Versicherungswissenschaft und Versicherungspraxis befinden sich aktuell in bewegten Zeiten”, konstatiert Torsten Oletzky, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Vereins für Versicherungswissenschaft, im Interview mit VWheute. Was mancher als “Disruption” bezeichnet, hält er für “eine natürliche Entwicklung in einem zunehmend dynamischen Wirtschaftszweig”.

VWheute: Welches sind die aktuellen Fragen der Forschung?

Torsten Oletzky: Die Ökonomen befassen sich derzeit intensiv mit Fragen der Versicherbarkeit von Großrisiken und neuen Risiken, wie z.B. Netz- oder Cyberrisiken. Der Einfluss von “Big Data” auf das Geschäftsmodell der Versicherer ist ein weiterer Forschungsschwerpunkt, und zwar im Hinblick auf ganz unterschiedliche Aspekte des Geschäftsmodells, die Produktgestaltung, die Kundenschnittstelle oder regulatorische Fragen bei der Nutzung verfügbarer Kundendaten.

In diesem Kontext werden auch die Folgen der Fragmentierung der Kollektive sowie Gestaltungsmöglichkeiten und ihre Grenzen aus versicherungstechnischer, rechtlicher und ökonomischer Perspektive diskutiert. Der deutsche Verein für Versicherungswissenschaft hatte diesen Fragestellungen bereits im vergangenen Jahr einen wesentlichen Teil der Plenardiskussion auf der Jahrestagung gewidmet.

Unverändert aktuell sind in der Forschung auch Fragen des Asset Liability Managements in Zeiten extrem niedriger Zinsen. Hier werden durch die seit 2016 verbindliche Anwendung von Solvency II neue Daten für die Auswertung in der Forschung zur Verfügung stehen.

Sowohl wissenschaftlich als auch politisch interessant und nach wie vor hochaktuell sind die Herausforderungen für die Privatversicherung in der alternden Gesellschaft – bei der Diskussion der Folgen des Niedrigzinsumfelds wird allzu leicht vergessen, dass die Demographie unserer Gesellschaft privatwirtschaftliche Alternativen und Ergänzungen zu den gesetzlichen Vorsorgesystemen heute dringender denn je macht.

In der Grundlagenforschung erfahren experimentelle Forschungsansätze, die davon ausgehen, dass sich Menschen nicht durchgehend rational verhalten, einen Aufschwung. Über experimentelle Studien soll herausgefunden werden, wie sich “Irrationalität” auf die Versicherungsnachfrage bzw. generell das Risikoverhalten auswirkt. Hinzu kommen empirische Überprüfungen, unter welchen Umständen sich im Zusammenhang mit Versicherung “adverse selection” und “moral hazard” nachweisen lässt.

Auf der versicherungsrechtlichen Seite sind zahlreiche Fragen von Solvency II und seiner Umsetzung in deutsches Recht nach wie vor für die Forschung hochinteressant. Untersucht werden das Zusammenspiel von europäischem und nationalem Recht ebenso wie Fragen von internationaler und nationaler Aufsicht. Welche Kompetenzen haben Eiopa und Bafin auch über die engen Vorgaben des Gesetzgebers hinaus zusätzliche Anforderungen an die Versicherer zu definieren?

Die juristische Forschung beschäftigt sich weiter mit den gesetzgeberischen Maßnahmen zur Abmilderung der Folgen des Niedrigzinses auf die Lebensversicherung – in Deutschland das LVRG mit der Absenkung der Vertriebsprovisionen auf 25 Promille sowie die rechtspolitische Diskussion um die Fortführung eines Höchstrechnungszinses.

Und nicht zuletzt ergeben sich auch im allgemeinen Versicherungsvertragsrecht interessante Fragen für Wissenschaftler und Praktiker, so z.B. die Frage einer Rechtspflicht der Versicherungsunternehmen, die Versicherungsnehmer über unwirksame AVB zu informieren.

VWheute: Stellen Sie grundsätzliche Disruptionen auch in der Wissenschaft fest?

Torsten Oletzky: Persönlich bin ich kein großer Freund des inflationären Gebrauchs des Begriffs “Disruption”. Richtig ist, dass sich Versicherungswissenschaft und Versicherungspraxis aktuell in bewegten Zeiten befinden. Die Veränderungsgeschwindigkeit hat in den vergangen Jahren zugenommen, alte Geschäftsmodelle werden in Frage gestellt und neue entstehen. Mancher mag dies als “Disruption” bezeichnen. Persönlich halte ich es eher für eine natürliche Entwicklung in einem zunehmend dynamischen Wirtschaftszweig. Wenn dies in der Versicherungswirtschaft als besonders neu und manchmal irritierend wahrgenommen wird, so liegt dies wohl auch daran, dass die Veränderungsgeschwindigkeit in unserem Wirtschaftszweig in der Vergangenheit eher gering war.

VWheute: Wie kann die Forschung der Praxis helfen?

Torsten Oletzky: Die Forschung hat eine wesentliche Rolle als Vordenker in allen grundlegenden Fragen. Der Forscher kann Fragestellungen von zentraler Bedeutung für die Märkte, ihre Anbieter und Nachfrager, die Aufseher und den Gesetzgeber neutral und ohne den unmittelbaren Druck operativer Entscheidungen beleuchten. Er ist ein wichtiger Sparrings-Partner für alle Akteure in der Versicherungswirtschaft. Vom Dialog zwischen Forschung und Praxis profitieren beide Seiten, und der Deutsche Verein für Versicherungswissenschaft hat es sich seit über 100 Jahren zur Aufgabe gemacht, diesem Dialog eine erstklassige Plattform zu bieten.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Tobias Daniel.

Bild: Torsten Oletzky ist Vorstandsvorsitzender des Deutschen Vereins für Versicherungswissenschaft (Quelle: Ergo)

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