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“Nachfrage nach Cyber-Versicherungen wächst”

23.05.2016 – oliver_dobner_marshMit der zunehmenden Globalisierung werden auch “die Lieferketten bzw. -netzwerke noch komplexer”, konstatiert Marsh-Geschäftsführer Oliver Dobner gegenüber VWheute. Dies bedeute auch eine deutliche Risiko-Zunahme – auch durch Cyber-Risiken. Auch wenn das Bewusstsein dafür wachse, sei das Thema noch nicht vollständig in den Chefetagen angekommen, betont der Experte.

VWheute: Die OECD geht im Rahmen ihres ITF Transport Outlook 2015 davon aus, dass sich der internationale Frachtverkehr bis 2050 vervierfachen wird. Wo sehen Sie derzeit die größten Herausforderungen für Ihre Kunden hinsichtlich der Lieferketten der Zukunft?

Oliver Dobner: Solche Zahlen deuten darauf hin, dass der Verkehrsfluss noch zunimmt, die Globalisierung weiter voranschreitet und die Lieferketten bzw. -netzwerke noch komplexer werden. Wir beobachten auch eine zunehmende Konzentration von Produktionsstätten und Fabrikationen, also dass beispielsweise bestimmte Stoffe weltweit nur an einem bestimmten Ort bzw. in einer bestimmten Region produziert werden. Hinzu kommen die fallenden Logistikpreise, wodurch es dann natürlich auch preiswerter wird, Produkte über weite Strecken zu transportieren.

Dies alles bedeutet aber auch eine deutliche Risikozunahme, denn die Wertschöpfung erfolgt über komplexe Beziehungen zwischen vielen Netzwerkpartnern, die direkt oder indirekt miteinander verbunden sind. Ein Beispiel ist die Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe in Fukushima, wo es zu Lieferausfällen kam, als ein Spezialkleber für Halbleiterplatten fehlte, weil fast alle Hersteller genau diesen Kleber aus Japan verwendet haben. Für ein einzelnes, aber zugleich vernetztes Unternehmen ist die Schaffung von Risikotransparenz und eine wirksame Risikosteuerung in diesem Spannungsfeld also eine große Herausforderung.

Um entsprechend widerstandsfähig zu sein, sollten Unternehmen daher die erforderlichen Voraussetzungen vor allem in vier Hauptbereichen schaffen:

  • Robustheit – die Fähigkeit einer Organisation, Risiken zu erkennen, bevor sie eintreten, und verhältnismäßige Maßnahmen für deren Steuerung abzuleiten
  • Redundanz – die Fähigkeit, alternative Möglichkeiten zur Erbringung von Sach- und Dienstleistungen sicherzustellen
  • Einfallsreichtum – die Fähigkeit zur kreativen Reaktion im Umgang mit Planabweichungen
  • Schnelligkeit – die Fähigkeit zur raschen Reaktion und Regeneration im Schadenfall

Eine genaue Analyse der Liefernetzwerke, das Erarbeiten von Szenarien für den Ausfall der für die Herstellung strategisch bedeutsamer Produkte erforderlichen Geschäftsprozesse und Ressourcen und damit eine verbesserte Transparenz über die Risiken der Liefernetze vergrößern nicht nur den Entscheidungsspielraum der Unternehmen, sondern können auch die versicherungstechnischen Deckungsinhalte und Konditionen bei der Platzierung am Versicherungsmarkt verbessern.

VWheute: Stichwort: Digitale Bedrohung. Globale und nationale Lieferketten sind derzeit zahlreichen Bedrohungen ausgesetzt, insbesondere durch Hackerangriffe. Wo sehen Sie als Makler derzeit die größten Schwachstellen und Bedrohungen für Ihre Kunden?

Oliver Dobner: Das Bewusstsein für Cyber-Risiken wächst zwar, allerdings ist das Thema noch nicht vollständig in den Chefetagen angekommen. Vielfach tun sich die Unternehmen noch schwer damit und betrachten es als eine Aufgabe der IT-Abteilung. Wir gehen da einen Schritt weiter und zeigen unseren Kunden auf, dass dies ein ganz normales betriebliches Risiko ist, mit dem sie rechnen müssen.

Genauso, wie man bei Lieferketten- oder Betriebsunterbrechungsszenarien einen Feuerschaden oder ein Erdbeben- bzw. Überschwemmungsrisiko berücksichtigt, muss auch das Cyber-Risiko mit einkalkuliert werden – und sich in den entsprechenden Deckungskonzepten wiederfinden.

Das Cyber-Risiko kann die eigene Produktion betreffen oder auch beim Vorlieferanten liegen. Es kann aber auch im Transport etwas passieren, beispielsweise wenn über die Fernwartung die Steuerung der Frachtschiffe gehackt und diese lahmgelegt werden. Kurz: Beim Lieferketten-Risikomanagement muss man Cyber-Risiken heute ebenso berücksichtigen, wie alle anderen Risiken.

VWheute: Veränderte Bedrohungslagen bedeuten auch eine Anpassung der Produktpalette für Versicherungsmakler. Wie reagieren Sie auf die aktuellen Herausforderungen insbesondere durch die digitale Bedrohung?

Oliver Dobner: Wir sprechen mit unseren Kunden über jede Art von Risiken, und beraten, wie sie diese effektiv steuern und ggf. auch durch eine Versicherung transferieren können, um ihre Kosten zu optimieren und Kapital freizusetzen – das gilt natürlich auch für neue Risiken wie Cyber.

Wir sehen, dass die Nachfrage nach Cyber-Versicherungen wächst – auch aufgrund der Häufigkeit spektakulärer Schadenfälle und einer schärferen Gesetzgebung mit neuen Meldepflichten. Um die Komplexität der vorhandenen Angebote zur reduzieren und eine umfassendere Absicherung zu gewährleisten, arbeiten wir an einem eigenen Bedingungswerk.

Wir sehen unsere Aufgabe aber auch darin, das Risikobewusstein beim Thema Cyber zu schärfen – beispielsweise mit der Veröffentlichung unserer Cyber-Risiko-Befragung. Ein Ergebnis von 2015 daraus lautet beispielsweise, dass 92 Prozent der Unternehmen die Gefährdung durch Zulieferer bzw. Kunden nicht in ihre Betrachtung des Cyber-Risikos einbeziehen. Andererseits sagen die Unternehmen, dass Betriebsstörungen und -unterbrechungen das größte Risiko für ihr Unternehmen darstellen.

Der Zusammenhang zwischen Lieferkettenstörungen, Betriebsunterbrechung und dem Cyber-Risiko wird jedoch oft nicht gesehen. Dies ist für uns daher ein zentrales Thema, da der finanzielle Schaden dadurch noch nicht richtig eingeschätzt werden kann. Hier besteht also ein großer Beratungsbedarf. Wir werden in Kürze die Befragung erneut durchführen, um das Bewusstsein weiter zu schärfen und unsere Kunden dahingehend zu beraten, wie die Vorsorge aussehen sollte, um über die Schadensverminderung oder-vermeidung hinaus auch den entsprechend passenden Deckungsschutz einkaufen zu können.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Tobias Daniel.

Bild: Oliver Dobner ist Chief Commercial Officer und Geschäftsführer bei Marsh Deutschland (Quelle: Marsh)

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