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Marktversagen in der Versicherungswirtschaft

28.11.2016 – Thomas Zwack, HHL Leipzig Graduate School of ManagementWerden P2P-Systeme eine Alternative auf dem Versicherungsmarkt? Dipl. Inf. Thomas Zwack, Research Associate am Center for Leading Innovation and Cooperation an der HHL Leipzig Graduate School of Management, stellt die Idee in seinem Gastbeitrag vor:

Die Versicherungswirtschaft ist einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige in Deutschland. Ohne privaten Versicherungsschutz ist eine moderne Volkswirtschaft kaum denkbar. Allerdings ist das Vertrauen der Kunden in diese Branche nicht besonders groß. Versicherungen sind heute oftmals schwer verständlich, unflexibel, wenig passgenau und die Kosten zur Absicherung zu hoch.

Zudem existieren Risiken, die heute in Deutschland nicht versicherbar sind. So sind zum Beispiel für Wildschäden an land- und forstwirtschaftlichen Nutzflächen Jagdpächter persönlich ersatzpflichtig. Pro Jahr betragen sie in Deutschland mehrere 100 Mio. Euro betragen. Diese Nichtversicherbarkeit von Wildschäden in Deutschland gründet sich im Wesentlichen auf moralische Risiken (engl.: Moral Hazard). Es liegt ein Marktversagen vor.

Eine Abkehr von der klassischen Beziehung zwischen Versichertem und Versicherer auf Basis eines nun bilateralen Vertrags kann neue Märkte eröffnen und mit neuartigen Peer-to-Peer-Geschäftsmodellen beispielsweise bislang nicht-versicherbare Risiken absichern.

Der Begriff Peer-to-Peer (P2P) bzw. P2P-System wurde bereits Ende der 90er Jahre vor allem durch den Erfolg der Musiktauschbörse Napster geprägt. “Peer-to-peer ‘year zero’ can effectively be set to Napster.” In den letzten 10 Jahren wurden immer mehr Unternehmen gegründet, die das eigentlich technisch besetzte Akronym P2P nutzen, um die Vermittlung von Dienstleistungen zwischen Privatpersonen (Peers) in ihrem Unternehmen zu umschreiben. Dementsprechend stehen P2P-Geschäftsmodelle für Modelle zur Erstellung und zum Konsum von Gütern und Dienstleistungen zwischen Privatpersonen, bei denen die traditionellen Rollen von Anbieter und Nachfrager zusammenfallen.

P2P-Geschäftsmodelle gibt es bereits in einer Vielzahl von Branchen, etwa in der Wohnraumvermittlung (zum Beispiel Airbnb), der Mobilität (zum Beispiel Uber) oder der privaten Kreditvergabe (zum Beispiel Prosper). Sie stellen dort schon heute eine Bedrohung für traditionelle Akteure dar. Die Nutzung positiver Netzwerkeffekte, die Etablierung einer Vertrauensatmosphäre anstelle von Kontrollmechanismen und die Zweitnutzung vorhandener Ressourcen sind drei Faktoren, welche die disruptiven Auswirkungen von P2P-Geschäftsmodellen auf eine Branche begründen. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, auch in der Versicherungswirtschaft über diese Geschäftsmodelle zumindest nachzudenken.

Für Versicherungsnehmer gibt es schon seit einigen Jahren die Möglichkeit, Risiken zumindest teilweise privat zu tragen (zum Beispiel Friendsurance/D, InsPeer/F). Oftmals teilt man sich als definierte Gruppe im Schadenfall einen gemeinsam vereinbarten Selbstbehalt. Der überwiegende Teil des Risikos wird weiterhin durch traditionelle Versicherungsunternehmen abgesichert. Friendsurance war 2010 der Wegbereiter für diesen Ansatz.

Viele weitere junge Unternehmen (zum Beispiel BroodFonds/NL, Shacom/TWN, oder PeerCover/NZ) erweitern augenblicklich diesen Ansatz und ermöglichen eine P2P-Absicherung auch ohne Einbindung eines traditionellen Versicherers. Das Risiko wird dann vollständig von den Peers getragen. Die maximale Zahlung pro Schadenfall wird entweder begrenzt oder beruhen auf der Freiwilligkeit der Mitglieder. Neben Standardrisiken kann man sich, je nach Anbieter, auch gegen sehr individuelle Gefahren absichern (zum Beispiel Arbeitsplatzverlust, vermisste Kinder, etc. – TongJuBao, CHN).

In allen P2P-Geschäftsmodellen vermitteln digitale Intermediäre direkt zwischen Sicherheitssuchenden und Risikoträgern, die dann entsprechende Mikro-Risikokollektive unter Privatpersonen bilden. Diese unterstützen sich oftmals auch bei der Schadenprävention. Der Intermediär ist in Deutschland dabei rechtlich nicht zwingend als Versicherer einzuordnen. Dies ergibt sich daraus, dass der P2P-Betreiber selbst kein Risiko trägt, sondern lediglich Sicherheitssuchenden und Sicherheitsbietenden zum Beispiel auf einer Internetplattform die Möglichkeit der gegenseitigen Übereinkunft bietet. Der Intermediär betreibt daher kein Versicherungsgeschäft und benötigt auch keine Zulassung als Versicherer.

Diese neue Art der Absicherung lässt sich prinzipiell auf unterschiedliche Risiken übertragen. Sie bietet sich in einem ersten Schritt insbesondere für jene Nischen an, in denen die Schadenhöhe begrenzt und in denen heute kein oder nur ein unzureichender Versicherungsschutz angeboten wird. Es werden zukünftig aber nicht nur Absicherungen zwischen Privatpersonen möglich sein, auch Unternehmen können für eine Person einen individuellen Risikoschutz übernehmen. Bauunternehmen sichern das Wohngebäude ab, Rechtsanwaltskanzleien bieten dem Klienten direkt einen anwaltschaftlichen Schutz oder Privatkliniken eine erweiterte Absicherung im Krankheitsfall. Dies alles ohne Einbindung eines traditionellen Versicherungsunternehmens.

Ud wie reagieren die Versicherungsunternehmen? Im Versicherungsbereich gewinnt man den Eindruck, dass diese Entwicklungen immer noch mit einer gewissen Gleichgültigkeit verfolgt werden. Man beruft sich auf die Komplexität des eigenen Geschäftsmodells sowie versicherungsaufsichtsrechtliche Vorgaben und hofft: Uns wird schon nichts passieren! Es gilt also für die deutschen Versicherer Handlungsoptionen zu evaluieren, wie sie zukünftig mit dem Thema P2P-Absicherung umgehen wollen.

Mit dem Thema der Absicherung eines Risikos innerhalb einer Gemeinschaft hat sich Value – das Beratermagazin intensiv beschäftigt.

Bild: Thomas Zwack (Quelle: Center for Leading Innovation and Cooperation an der HHL Leipzig Graduate School of Management)

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