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Leben in Gefahr?

05.10.2015 – christian_kinder_bainVon Christian Kinder und Henrik Naujoks. Die derzeitige Niedrigzinsphase droht den Lebensversicherern die Luft abzuschnüren: Hochverzinste Altverträge sind eine starke Belastung. Parallel haben die Neuverträge durch die geringen Zinsen an Attraktivität verloren. In Japan gingen in einer ähnlichen Situation zwischen 1999 und 2001 mehrere große Lebensversicherer in die Insolvenz.

Noch scheint eine Marktkonsolidierung in Deutschland schwer vorstellbar – allerdings bilden sich bereits erste Abwicklungsspezialisten heraus, wie die Heidelberger Leben oder Frankfurter Leben, die gerade einen Teil der Bestandsverträge von der Basler übernommen hat.

henrik_naujoks_bainDie wenigsten europäischen Lebensversicherer erwirtschaften heute noch Gewinne. Deutsche Lebensversicherer zahlen im Schnitt 3,2 Prozent Zinsen auf das in den Verträgen angesparte Kapital, die 10-jährige Staatsanleihe liegt derzeit bei knapp 0,6 Prozent. Mit jedem Jahr der Niedrigzinsphase verschärft sich damit die Situation durch die notwendigen Neuanlagen. Alle Unternehmen haben Maßnahmen zur Sicherung der Solvenz und Kapitalbasis eingeleitet und arbeiten aggressiv an der Senkung der Kostenbasis – sei es an Provisionen und Unterstützungsstrukturen im Vertrieb, sei es in der weiteren Optimierung und Automatisierung von Prozessen.

Im Neugeschäft haben die meisten Versicherer schon deutlich umgesteuert. Ein stärkerer Fokus auf Biometrie und fondsgebundene Produkte sowie weichere, zum Beispiel endfällige Garantien sind für die meisten Versicherer heute bereits Standard.

Schwerer tun sich demgegenüber die meisten Versicherer mit dem aktiven Management des Bestands. Hier wird eine systematische Adressierung unumgänglich sein – angefangen von der Segmentierung des Bestands, einem systematischen Management der bestehenden Tarifvielfalt über das Angehen von operativen Potenzialen wie etwa im Leistungsmanagement bis hin zu einem dedizierten Controlling relevanter Bestandskennzahlen.

Auch weitergehende Kostenmaßnahmen werden unausweichlich sein. Im aktuellen Marktumfeld werden sich viele Vertriebe neu erfinden und die Digitalisierung aggressiv vorantreiben müssen. Die erfolgreiche Verzahnung von Offline- und Onlinekanälen wird für die Produktivität und damit die Auskömmlichkeit im Vertrieb von entscheidender Bedeutung sein. Aber auch darüber hinaus gehende Kostenmaßnahmen, beispielsweise die Adressierung der Alt-IT-Systeme, werden unumgänglich sein.

Trotz dieses Umfelds ist es zu früh, einen Abgesang auf die Branche anzustimmen. Nach wie vor besteht der Bedarf nach Absicherung im Alter. Auch der Blick nach Japan zeigt: Nach den starken Verwerfungen im Zuge der Niedrigzinsphase ist der dortige Lebensversicherungsmarkt heute einer der attraktivsten der Welt.

Bilder: Christian Kinder (oben) ist Partner bei Bain & Company und Leiter der Praxisgruppe Versicherungen im deutschsprachigen Raum. Henrik Naujoks (unten) ist Partner bei Bain & Company und Leiter der Praxisgruppe für die Beratung von Finanzdienstleistern in Europa, dem Nahen Osten und Afrika (EMEA).

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