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Kostensparen zum Wohl des Patienten

03.05.2016 – Hakimi_HallescheWerden Kostenschlachten in der PKV auf der Leistungsseite gewonnen? Einen deutlichen Hinweis gibt Rainer Hakimi, leitender Gesellschaftsarzt bei der Halleschen Krankenversicherung. Im Interview mit VWheute spricht er über Kostenfaktoren und die Schaden-Nutzen-Relation für den Versicherten.

VWheute: Ihre aktuellen Erkenntnisse: Wird zu viel operiert und wird zu viel und unnötig medikamentiert?

Rainer Hakimi: Ich bin der Meinung, dass in einigen Bereichen tatsächlich zu viel operiert wird. Dies gilt insbesondere für arthroskopische Eingriffe am Kniegelenk und zum Teil auch für Bandscheibenoperationen und aufwändige dorsale Instrumentierungen im Bereich der Wirbelsäule.

So haben in den letzten Jahren Studien gezeigt, dass der Nutzen von arthroskopischen Operationen am Kniegelenk bei arthrotischen Veränderungen für den Patienten sehr wenig oder keinen Benefit bringen. Bei Kniegelenksverletzungen hingegen, z. B. bei einem Meniskusriss, oder bei Kreuzbandverletzungen sind arthroskopische Operationen durchaus sinnvoll.

Auch wird die Indikation für Bandscheibenoperationen manchmal zu leichtfertig gestellt. Die Zahl der Bandscheibenoperationen hat sich in Deutschland zwischen 2005 und 2010 verdoppelt. Finanzielle Fehlanreize spielen dabei möglicherweise eine Rolle. Oftmals bringen diese Eingriffe nicht die vom Patienten gewünschte Schmerzfreiheit und eine konservative Therapie mit Gewichtsabnahme und täglichen krankengymnastischen Eigenübungen ist häufig sogar erfolgreicher. Ganz zu schweigen von den Risiken und möglichen Komplikationen dieser „Routineeingriffe“. Außerdem ist es nicht selten so, dass im CT sichtbare Bandscheibenveränderungen nicht der Grund für die schmerzhaften Beschwerden sind. Daher empfehlen viele Ärzte, vor der Durchführung einer Bandscheibenoperation grundsätzlich eine Zweitmeinung einzuholen.

Ein weiteres Beispiel für teilweise unnötige oder unverhältnismäßige Therapie sind andererseits intraartikuläre Injektionen ins Kniegelenk, die von manchen Ärzten behandlungstäglich und dann auch noch mit Präparaten von nicht erwiesener Wirksamkeit durchgeführt werden (bspw. Organopräparaten, Nosoden, Homöopathika). Bei jeder einzelnen intraartikulären Injektion besteht die Gefahr einer schwer therapierbaren Kniegelenkseiterung und einer Knorpelläsion. Die Schaden/Nutzen-Relation ist dabei für den Patienten sehr ungünstig.

VWheute: Welchen Nutzen versprechen Sie sich aus der Stichprobe

Rainer Hakimi: Die von mir seit Jahren erhobenen Stichproben (siehe POLITICS), vor allem aber die Vollerhebungen, bei denen ich alle versicherungsmedizinischen Anfragen untersuche, ca. 5.000 im Jahr, sehe ich als Bestandteil der Versorgungsforschung. Es ist weitgehend unerforscht und unveröffentlicht, welche Aufgaben Gesellschaftsärzte für die private Krankenversicherung erbringen. Mit den Stichproben, die ich seit einigen Jahren durchführe, möchte ich etwas Licht in die bisher noch dunkle Landkarte der versicherungsmedizinischen Beratung bringen.

Insofern sind nicht Kosteneinsparungen der Anlass für meine Untersuchungen. Zwar weiß ich seit Beginn meiner Tätigkeit vor über 20 Jahren, dass Gesellschaftsärzte für ihre Versicherungsunternehmen Kosteneinsparungen in Millionenhöhe erwirken. Berechnet und belegt habe ich diese aber erstmals vor einigen Jahren. Das steht aber, wie gesagt, nicht im Vordergrund der Untersuchungen.
Aus den über 110.000 versicherungsmedizinischen Anfragen, die ich seit 1993 beurteilt und beantwortet habe, ergeben sich auch vielfältige Aspekte, die dem Schutz der Patientengesundheit dienen, beispielsweise zum Nutzen der ärztlichen Zweitmeinung vor Operationen oder eine besondere Aufklärungspflicht des Arztes bei Anwendung von alternativen Therapien, die keine erwiesene Wirksamkeit haben.

VWheute: Welche Entwicklung stellen Sie fest mit Blick auf die Stichproben vergangener Jahre?

Es gibt konstante Beratungsfelder wie die medizinische Notwendigkeit von Medikamenten, Alternativmedizin, ambulante versus stationäre Behandlung, Abgrenzung von Kur/Reha zu stationärer Krankenhausbehandlung usw. Andere Beratungsfelder, wie die Abgrenzung kosmetischer Operationen zu medizinisch notwendigen Operationen, sind in den letzten zehn Jahren massiv angestiegen und haben sich nun auf einem hohen Niveau eingependelt.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Rafael Kurz.

Bild: Rainer Hakimi ist Gesellschaftsarzt der Halleschen Krankenversicherung. (Quelle: Hallesche)

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