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Beenken: “Verbraucherschutzverbände sind scheinheilig”

03.07.2014 – matthias-beenken-150Der Versicherungsvertrieb steht teils zu Recht, teils zu Unrecht in der öffentlichen Kritik. Insbesondere wird er in Mithaftung für die Finanz- und Bankenkrise genommen, was trotz der Nähe zum Thema Finanzdienstleistungen und trotz ähnlicher Vertriebspraktiken nicht berechtigt erscheint. Versicherungsprodukte sind grundsätzlich auf Langfristigkeit ausgelegt, schreiben Prof. Matthias Beenken und Prof. Michael Radtke von der Fachhochschule Dortmund in ihrer Studie für den Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute e.V. (BVK) unter der Überschrift “Betriebswirtschaftliche Konsequenzen eines Systemwechsels in der Vergütung von Versicherungsvermittlern”. Im Exklusiv-Interview mit VWheute erläutert Prof. Beenken die Ergebnisse der Studie und skizziert mögliche Konsequenzen.

Beenken: Wichtig ist aus meiner Sicht, das Augenmaß wiederzufinden, das bei der Regulierung derzeit etwas verloren gegangen ist. Verbraucherschutz ist wichtig, aber es gibt auch andere Politikziele wie insbesondere eine gute Versorgung der Bevölkerung, um Armut und damit Hilfsbedürftigkeit im Alter oder bei existenziellen Ereignissen wie Berufsunfähigkeit zu vermeiden. Wenn die Sozialversicherungen immer größere Lücken lassen in der Versorgung, müssen private Anbieter und ihre Vermittler die Menschen aufklären und zur freiwilligen Vorsorge bewegen. Das kostet nun einmal Geld.

Weiter sollten Politik und Verbraucherschützer aufhören, der Honorarberatung einen Heiligenschein der Unabhängigkeit und Uneigennützigkeit aufzusetzen. Unter dem Titel Honorarberatung werden sehr verschiedene Dienstleistungen von der Rechtsberatung bis hin zur Versicherungsvermittlung gegen erfolgsabhängiges Honorar verstanden. Damit stehen Honorarberater im Wettbewerb mit verschiedenen Berufsgruppen von Rechtsanwälten bis hin zu Provisionsvermittlern. Und im Wettbewerb soll sich durchsetzen, was die Kunden für sich als nutzbringend ansehen, und nicht was in eine Ideologie passt und deshalb einseitig gefördert wird. In der Diskussion wird zum Beispiel völlig übersehen, dass Versicherer eine viel höhere Verhandlungsmacht als der einzelne Kunde haben und deshalb dämpfend auf Vergütungswünsche der Vermittler wirken. Dem Honorarberater steht der Kunde ohne einen solchen Schutz gegenüber und muss selbst herausfinden, welche Honorarforderung für welche Leistung angemessen ist. Wo ist hier der Verbraucherschutz?

Allerdings bin ich skeptisch, ob sich die Politik vom eingeschlagenen Pfad abbringen lässt. Die jüngsten Regulierungsansätze wie der Entwurf des Lebensversicherungsreformgesetzes gehen selbst über das noch hinaus, was die Europäische Union als angemessene Regulierung ansieht. Wahrscheinlich muss es erst spürbare Folgen wie ein Rückgang der Absicherung der Menschen geben, bis ein Umdenken stattfindet.

VWheute: Welche Rolle sollte die Versicherungsaufsicht bei der Überwachung der Vergütung spielen?

Beenken: Die Versicherungsaufsicht sollte die Beaufsichtigung der Versicherungsunternehmen ernster nehmen, auch was das konkrete Marktverhalten von deren Vertrieben angeht. Die Handhabe dazu gibt es im Versicherungsaufsichtsgesetz. Aber es fehlt eine öffentliche Transparenz, ob die Bafin bei Verfehlungen gegen die Unternehmen einschreitet und wie. Auch würde ich mir die eine oder andere Klarstellung zu dringenden Fragen der Auslegung des Vermittlungsrechts wünschen.

VWheute: Wie könnte ein Systemwechsel ohne größere „Schleifspuren“ in der Vermittlerschaft organisiert werden?

Beenken: Ich sehe keinen Bedarf für einen „Systemwechsel“. Das Vertriebssystem funktioniert im Großen und Ganzen gut. Wenn Deutschland mit der Umsetzung der Vermittlerrichtlinie 2 noch eine vernünftige Vermittlungsaufsicht – als Ergänzung zu der bestehenden Einzel-Vermittleraufsicht – etablieren würde, die auch das Marktverhalten von Vermittlern und von Vermittlungsformen überwacht, dann sollten die Verbraucher ausreichend geschützt sein. Einige millionenschwere und imageschädigende Pleiten großer Finanz- und Versicherungsvermittler der jüngeren Vergangenheit hätte man in dieser Dimension vermeiden können, wenn eine Aufsicht rechtzeitig eingeschritten wäre.

VWheute: Welches Vergütungsmodell hätte die größten Chancen auf Akzeptanz bei Kunden wie Vermittlerschafft?

Beenken: Das soll der Markt entscheiden. Es gibt manche Kundengruppen, die von sich aus Beratung und Vermittlung von Versicherungen nachfragen, übrigens oft solche Kunden, die Versicherungen eher als Anlageinstrument und nicht zur Vorsorge benötigen. Für die mag Honorar eine Alternative sein. Um aber auch wenig vermögende Verbraucher zu erreichen und ihnen die für sie viel dringendere Existenzsicherung zu verschaffen, braucht es weiter ausreichende Provisionsanreize und damit Produkte, in die eine solche Vergütung eingerechnet ist.

Um es zuzuspitzen: Provisionsanreize wären erst dann überflüssig, wenn die Verbraucherzentralen eigene Berater flächendeckend von Tür zu Tür gehen lassen und die Haftung dafür übernehmen, dass die von ihnen beratenen Kunden ihre Vorsorgeziele erreichen. Das scheint mir aber dann doch eine unrealistische Erwartung zu sein. Es wäre gut, wenn sich jede Seite wieder auf das besinnt, was ihre Aufgabe ist: Wirtschaftsunternehmen bieten bezahlte Dienstleistungen an und kalkulieren dabei souverän ihre Preise. Verbraucherschützer achten darauf, dass die Verbraucher dabei nicht geschädigt werden. Derzeit wird beides vermischt: Versicherer und ihre Vermittler sollen den Kunden womöglich in die letzte Ecke ihrer Kalkulation Einblick nehmen lassen müssen, bis sich der Wirtschaftsbetrieb nicht mehr lohnt und aufgegeben wird. Verbraucherschutzverbände wollen Finanzmarktwächter sein, aber am Kuchen Honorarberatung mitverdienen. Das ist scheinheilig. (ak)

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