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Keine Cashflows. Keine Simulation – Solvency geht auch einfach

10.03.2015 – Bartel_GothaerEin Beitrag von Holger Bartel, Verantwortlicher Aktuar bei der Gothaer Lebensversicherung. Ausgangspunkt für das neue Aufsichtsregime Solvency II war eine bessere ökonomische Messung der Risiken verbunden mit dem Ziel einer entsprechenden wert- und risikoorientierten Steuerung. Seit rund einer Dekade wird an dem Standardmodell gearbeitet: Zuerst ging es um die Umbewertung von der handelsrechtlichen zur ökonomischen Bilanz.

Dann wurde mit dem Cashflowmodell die Eingabe langer projizierter Zeitreihen erforderlich. Schließlich werden mit dem Simulationsmodell tausend Pfade über hundert Jahre stochastisch simuliert.

Im Ergebnis steht das Management heute vor der Aufgabe, ein hoch komplexes „Standard“-Modell zu interpretieren, das sich hoch sensitiv zeigt und leider wegen tausender Inputs auch fehleranfällig ist. Kurz vor der Einführung von Solvency II stellt man sich sehnsüchtig die Frage: Geht Solvency auch einfach?

Die Antwort: Ja, wenn man Mut zur Vereinfachung aufbringt. Genau dies habe ich versucht. Es wird ein Modell vorgeschlagen, dass schlicht und einfach nur rund 20 Größen benötigt, die überwiegend aus der handelsrechtlichen Bilanz stammen.

Keine Cashflows. Keine Simulation. Um diese Vereinfachung zu bekommen, wird die Asymmetrie des Geschäftsmodells in einer geschlossenen Formel abgebildet. Asymmetrie heißt, dass die Kunden in den einzelnen Geschäftsjahren jeweils zu rund 90 Prozent an den Gewinnen beteiligt werden, während das Unternehmen 100 Prozent der Verluste trägt. Zusätzlich – und dies ist in der aktuellen Niedrigzinsphase besonders wichtig – können die Bewertungsreserven als Puffer genutzt werden, um Verluste zu vermeiden. Puffer reduzieren die aus Sicht des Versicherungsunternehmens teure Asymmetrie.

Ein Praxisbeispiel zeigt, dass das einfache Solvenzmodell der Managementintuition entspricht:

1) Die optimale Duration (Anlagedauer) der Kapitalanlagen ist hoch, liegt aber klar unter der Fristigkeit der Verbindlichkeiten. Grund: Ein Durationsmatch reduziert das Zinsrisiko, aber eine zu hohe Duration der Kapitalanlagen gefährdet den wertvollen Puffer an Bewertungsreserven – wenn die Zinsen wieder ansteigen sollten.

2) Das optimale Aktieninvestment ist wegen der hohen Schwankungen gering, aber nicht null, wie im heutigen Standardmodell. Grund: Die hohe Aktienrendite schafft wertvolle Ertragspuffer.
Fazit: Mit Mut zur Vereinfachung kann Solvency II stabiler, verständlicher und praxistauglicher werden. Die Akzeptanz steigt und hat eine positive Wirkung auf die Steuerung der Versicherungsunternehmen in der Praxis.

Bild: Holger Bartel, Leiter Mathematik, Verantwortlicher Aktuar, Gothaer Lebensversicherung. (Quelle: Gothaer)

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