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Kein substanzieller Fortschritt

20.01.2014 – Bert-RuerupDie Diskussion um die Zukunft des deutschen Gesundheitssystems ist in vollem Gange. Daran haben auch die Bildung der Großen Koalition und das vorläufige Ende der Bürgerversicherung nichts Wesentliches geändert. Ein Streitpunkt sind die Alterungsrückstellungen der Privaten Krankenversicherung (PKV) und deren fehlende vollständige Portabilität.

Denn nur die Kunden, die ab dem 1.1.2009 in die PKV eingetreten sind, können ihre Alterungsrückstellung zu einem anderen Anbieter mitnehmen. Das sind laut PKV-Verbandsvorsitzendem Uwe Laue rund eine Million Kunden, für die das Thema bereits geklärt ist. Für die Bestandsversicherten wäre dieser Schritt allerdings rechtswidrig und unsolidarisch den Kranken gegenüber, meint Laue weiter.

Wie sieht Bert Rürup, Ökonom, Sozialversicherungsexperte und Präsident des Düsseldorfer Handelsblatt Research Institute, das Problem der Portabilität von Alterungsrückstellungen? VW-heute hat ihn dazu befragt.

VW-heute: Herr Prof. Rürup, ausgerechnet ein CDU- Sozialexperte hatte letztes Jahr den Vorschlag gemacht, die Alterungsrückstellungen auch für Versicherte mit vor 2009 abgeschlossenen Verträgen portabel zu machen.

Rürup: Die Politik muss Antworten finden, um den nicht sonderlich ausgeprägten Wettbewerb der privaten Versicherungen im Bestand zu erhöhen. Vor diesem Hintergrund hört sich der Vorschlag des CDU-Sozialexperten Johannes Singhammer erst einmal vernünftig an. Aber nur beim ersten Hinhören, denn die Konsequenzen wären vertrackt. Herr Singhammer hat seinen Vorschlag nicht zu Ende gedacht.

VW-heute: Warum?

Rürup: Wenn – was zunächst naheliegen könnte – die Alterungsrückstellungen, die bei einem Versichertenwechsel mitgegeben werden, unabhängig vom Gesundheitszustand des „Wechslers“ berechnet werden, wären sie für Gesunde regelmäßig zu hoch und für Mehrfachkranke – wenn sie denn wechseln wollen und können – aber zu niedrig. Und da es empirisch belegt ist, dass in erster Linie Gesunde eine Versicherung wechseln, würde nahezu jeder Wechsel eines Versicherten das Kollektiv der abgebenden Versicherung schädigen. Denn die – gemessen am Gesundheitszustand der Wechsler – zu hohen mitgegebenen Alterungsrückstellungen müssten vom verlassenen Kollektiv nachfinanziert werden, namentlich von denjenigen, die keinen neuen Versicherer finden.

VW-heute: Gäbe es eine Möglichkeit diese Risikoentmischung zu verhindern?

Rürup: Kaum. Dazu müsste die erweiterte Portabilität eine Funktion übernehmen, die dem Risikostrukturausgleich in der Gesetzlichen Krankenversicherung vergleichbar ist. Das heißt, die mitgegebenen Rückstellungen müssten risikoadjustiert sein. Dafür müsste im PKV-System ein Äquivalent zum Risikostrukturausgleich etabliert werden. Wie das funktionieren soll, steht in den Sternen. Und ein denkbarer Kontrahierungszwang für Wechselwillige würde das Ende der derzeitigen privaten Vollversicherung bedeuten. Daher erwarte ich in diesem Punkt auf absehbare Zeit keinen substanziellen Fortschritt.

Das Interview führte VW-heute-Korrespondentin Elke Pohl

Foto: Sozialexperte Bert Rürup in Aktion. (Quelle: vvw)

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