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Kapitalgedeckte Alterssicherung: Es gibt nur Risiken, keine Chancen

24.09.2015 – Flassbeck_KowalewskiVon Wirtschaftswissenschaftler Heiner Flassbeck. Die Risiken und Chancen einer kapitalgedeckten Alterssicherungspolitik sind leicht zu beschreiben: Es gibt nur Risiken, aber keine Chancen. Es gibt nämlich gar keine Kapitaldeckung, es gibt nur Umlagefinanzierung. Alle Renten werden immer von dem Einkommen gedeckt, das zu dem Zeitpunkt erzielt wird, wo die Renten ausgezahlt werden müssen, von sonst nichts.

Ob Kapital, das heute angespart werden soll, jemals zu Kapital wird, aus dem ein entsprechendes Einkommen erzielt werden kann, ist eine offene Frage. Auch die Frage, ob Kapital zu dem Zeitpunkt, wo die Rente gezahlt werden soll, überhaupt eine Rendite abwirft, ist offen. Derzeit ist der Zins Null, weil alle versuchen zu sparen und zu wenige bereit sind, sich zu verschulden und zu investieren.

Wenn die Bürger versuchen, noch größere Summen anzusparen, wird die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine Rendite auf ihr Kapital bekommen, weiter abnehmen. Besonders absurd ist es, wenn ein Land versucht, das Sparproblem dadurch zu lösen, dass es all seine Ersparnisse im Ausland anlegt, wie das in Deutschland derzeit der Fall ist. Das geht nämlich nur über die Verbesserung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit zulasten des Auslandes. In Deutschland geschah das durch jahrzehntelange „Lohnmoderation“ in der Europäischen Währungsunion. Deutschland hat nun hohe Überschüsse in der Leistungsbilanz und exportiert jedes Jahr mehr als 200 Milliarden neue Ersparnisse, die im Ausland neue Schuldner finden müssen.

In dem Fall ist das Ausland zwar am Ende wirtschaftlich schwach, soll aber über den Kapitaldienst die Rente des starken Landes erwirtschaften. Wieso sollte das gelingen? Die Beispiele in der Europäischen Währungsunion zeigen, dass es eine absurde Vorstellung ist, dass Griechenland und andere Defizitländer am Ende für die deutsche Rente zahlen, weil in sie die Deutschen ihre Ersparnisse investiert haben.

Wer spart, muss immer fragen, wer der Schuldner sein wird, in den er seine Ersparnisse investiert. Ohne Schulden gibt es nämlich keine Ersparnis. Insgesamt bestätigt sich der einfache Satz: Die Volkswirtschaft kann nicht sparen. Sie kann nur mehr investieren. Die Idee, sie werde mehr investieren, wenn sie mehr spart, ist ohnehin mehr als fraglich. In den Zeiten der Nullzinsen ist die Idee vollkommen abwegig.

Bild: Wirtschaftswissenschaftler Heiner Flassbeck war Staatssekretär im Finanzministerium und bis Ende 2012 Chef-Volkswirt bei der UNO-Organisation für Welthandel und Entwicklung. Er spricht heute zum Thema bei der Wissenschaftstagung des Bundes der Versicherten. (Quelle: Kai Kowalewski)

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