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Interview: Sind wir alle Angsthasen?

05.09.2014 – Young man checking wristwatch while jogging on promenade --- Image by © CorbisProf. Dr. Manfred G. Schmidt vom Institut für Politische Wissenschaft der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, verneint im Interview mit VWheute-Korrespondentin Elke Pohl die Annahme, die Deutschen wären ein  besonders von Ängsten geplagtes Volk. Vielmehr hätten deren Sorgen einen realen Hintergrund, Stichwort Euro-Rettung. Auf die Frage, schauen die Deutschen traditionell im Vergleich zu anderen Völkern furchtsam in die Zukunft, antwortet der Wissenschaftler.

Schmidt: Die Deutschen sind kein Volk von Angsthasen, sondern reagieren mit berechtigter Sorge auf aktuelle Ereignisse und Probleme. Die meisten Ängste sind wirklichkeitsnahe Reaktionen auf die Top-Themen der Politik und der öffentlichen Debatte: Die Deutschen tragen bei der Euro-Schuldenkrise eine der Hauptlasten. Dazu kommt die weit vorangeschrittene Alterung der Bevölkerung, die zu weiteren Kostensteigerungen bei den sozialen Sicherungssystemen führt. Und schließlich bezahlen die Bürger die Rechnung für den Atomausstieg und für hohe Investitionen in den Umweltschutz mit steigenden Energiepreisen und höheren Gebühren, z.B. für Wasser und Abfallentsorgung. Vergleichbare Studien mit den Sorgen anderer Völker gibt es nicht. Allerdings haben die Deutschen eine historisch bedingte besonders große Sensibilität in Fragen der Geldwertstabilität, Inflation und Lebenshaltungskosten, bedingt unter anderem durch die Hyperinflation in der Weimarer Republik, die Währungsreform 1948 und Umstellung von DM auf Euro 2002.

Gibt es konstante Tendenzen in Bezug auf Ängste? Was hat sich ausgeprägt, was ist zurückgegangen?

Angst um das Geld, Angst um die Umwelt und Angst um die Gesundheit auch im Alter – das sind die Hauptsorgenkinder der Deutschen im Jahr 2014, aber auch schon in den meisten Jahren vor 2014. Insoweit künden die Befunde der Ängste-Studien bis heute von einer bemerkenswerten Kontinuität im Sorgenhaushalt der Deutschen.Vor allem die Angst ums Geld treibt die Deutschen seit langem um. Auch 2014 sitzt sie den Deutschen im Nacken. Die Mehrheit befürchtet, dass das liebe Geld diesmal nicht durch hohe Inflationsraten entwertet wird, sondern durch die Haftung für die wirtschafts- und finanzpolitischen Sünden von Politikern in den Schuldenkrisenstaaten der Europäischen Union. Kontinuität kennzeichnet weithin auch die kleineren Ängste. Ein Beispiel: Weniger als ein Drittel der Befragten befürchtet, ein Opfer von Straftaten zu werden. Und auffällig entspannt reagieren die Leute auf Fragen zur Partnerschaft. Dass diese gefährdet sei, befürchten nur 18 Prozent.

Wie schätzen Sie die Ängste in Bezug auf Krankheit und Altersvorsorge ein? Sind diese realistisch?

Hier spiegelt sich die demografische Entwicklung einer alternden Gesellschaft wider. Entsprechend breiter gestreut und größer sind hierzulande die Pflegefall- und Krankheitsrisiken. Und entsprechend weit verbreitet sind in Deutschland die Ängste, schwer zu erkranken oder im Alter als Pflegefall anderen zur Last zu fallen. Die Sichtbarkeit des Pflegefallrisikos, die durch die Einführung der gesetzlichen Pflegeversicherung in Deutschland paradoxerweise sehr stark zugenommen hat, trägt das ihre zur Verbreitung dieser Angst bei. Deutschlands Seniorenquote – also der Anteil der über 65-Jährigen an der Bevölkerung – ist mit 21 Prozent weltweit Spitze – zusammen mit Italien (21 Prozent) und Japan (24 Prozent). In den USA hingegen beträgt die Seniorenquote nur 14 Prozent und in Brasilien sogar nur 7 Prozent.

Bild: Manfred G. Schmidt, Politologe von der Universität Heidelberg. (Quelle: epo)

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