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Ifo-Chef fordert Altersvorsorge-Säule mit Kinder-Bonus

17.12.2014 – sinnVon VWheute-Korrespondent Reinhold Müller. Die sogenannte “Bevölkerungspyramide” ist ein Fakt, meint Ifo-Chef Hans-Werner Sinn in seinem Vortrag “Generationen(un-)gerechtigkeit, Ursachen, Folgen und Politimplikationen des demografischen Defizits” bei einer gemeinsam von der CESifo-Gruppe und dem Wirtschaftsbeirat der Union e.V. getragenen Veranstaltung. Es geht dabei schlicht um Mangel-Verwaltung.

“Man kann die Entwicklung der Bevölkerungs-Pyramide in den nächsten 20 Jahren besser prognostizieren als das voraussichtliche Wirtschaftswachstum im nächsten Jahr”, bekannte der Wirtschaftswissenschaftler. Ändern lasse sich daran auch nichts mehr. Feststellen lassen sich daher allenfalls noch die Ursachen, warum sie – vor allem mit Blick auf die Zukunft des Altersversorgungssystems – insbesondere hierzulande so schlimm aussieht, wie sie sich nun mal präsentiert.

Daran trage nach der stark marktwirtschaftlich orientierten Analyse von Sinn einerseits Otto von Bismarck in ganz erheblichem Maße Schuld. Der habe mit der Einführung der umlagefinanzierten gesetzlichen Rente eine “Vollkaskoversicherung gegen Kinderlosigkeit” geschaffen. Damit sei in der Bevölkerung allmählich eine “Vollkaskomentalität” geschaffen worden, welche die “Investition” in eigene Kinder zur Altersvorsorge überflüssig gemacht habe. Ein weiterer Grund ist laut Sinn zudem die Erfindung der Anti-Baby-Pille. Damit hänge die Zahl der Neugeborenen nur vom Kinderwunsch jedes einzelnen Paares ab, der nicht unwesentlich von den gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen beeinflusst werde.

Zur Bewältigung der aktuellen Probleme im Altersversorgungssystem aufgrund des fehlenden Nachwuchses kann diese Ursachenanalyse allerdings wenig beitragen, zumal für Sinn der politische “Wandel zur Gerontokratie” unausweichlich vorgezeichnet ist. Ab 2015 werde die Zahl der Wähler im Rentenalter die der jüngeren endgültig übersteigen. Eine Erhöhung des gesetzlichen Renteneintrittsalters allein könne bei realistischer gesellschaftspolitischer Betrachtung das Dilemma ebenfalls kaum beseitigen. Nach UN-Berechnungen wäre nämlich eine Anhebung von 65 auf 77 Jahre erforderlich, um den derzeitigen Beitragssatz zur gesetzlichen Rentenversicherung und das Rentenniveau konstant halten zu können.

Auch eine geänderte Einwanderungspolitik hilft allenfalls bedingt, weil rechnerisch 22 Millionen junge Zuwanderer benötigt würden, um den Altenquotient von 2035 auf dem Niveau des Jahres 2015 zu halten. Die dürften dann in dieser Zeit, in der sie in das deutsche Sozialversicherungssystem einzahlen, nach den Modellannahmen selbst aber gar nicht altern.

Letztlich gehe es daher um reine Mangelverwaltung. So plädierte Sinn für die Abschaffung des gesetzlichen Renteneintrittsalters und ein System, in dem jeder Arbeitnehmer innerhalb eines bestimmten Zeitfensters selbst über seinen Renteneintritt entscheiden könne. Dies erfolge mit versicherungsmathematisch errechneten Ab- oder Zuschlägen auf die Rentenhöhe zu einem politisch festgelegten Referenz-Zeitpunkt. Auf eine Frage aus der Zuhörerschaft, welche quantitativen Auswirkungen sich daraus voraussichtlich ergeben werden, blieb er eine Antwort allerdings schuldig.

Zwingend erforderlich sei ein Qualifikations-Punktesystem für die Einwanderung, um eine zusätzliche Belastung für das deutsche Sozialsystem zu vermeiden. Er kritisierte zudem, dass die Ergebnisse einer jüngeren Studie der Bertelsmann-Stiftung in der Öffentlichkeit völlig falsch dargestellt worden seien. Eher zukunftsorientiert empfahl Sinn außerdem, sich an Frankreich und anderen Ländern ein Vorbild zu nehmen und für Familien mehr pekuniäre Anreize zu setzen, Kinder zu bekommen.

Darüber hinaus empfahl er, die die Anlagevorschriften für Banken und Versicherer zu verändern. Diese seien bislang aufsichtsrechtlich gezwungen seien, vor allem in Staatspapiere zu investieren, Die Altersvorsorge sei damit trotz Kapitaldeckung wirtschaftlich letztlich nur “ein privates neben das gesetzliche Umlage-Verfahren gestellt” worden. Benötigt würden zur Schließung der Lücke beim Human-Kapital jedoch Investitionen in echtes Realkapital, also beispielsweise in Aktien.

Mit Blick auf gesellschaftliche Akzeptanz, Gerechtigkeitsaspekte und eine drohende finanzielle Überbelastung von Familien mit Kindern schwebt Sinn schließlich der Aufbau einer weiteren kapitalgedeckten Zusatzversorgung vor, aber dies im Rahmen der gesetzlichen Rentenversicherung. Die obligatorischen Beiträge dafür sollten dann, wenn sich bei einem Paar Nachwuchs einstellt, schrittweise sinken und beispielsweise bei drei Kindern komplett entfallen. (rem)

Bild: Hans-Werner Sinn (Quelle: Reinhold Müller)

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