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Hufeld: “Insurtechs werden den Vertrieb verändern”

04.10.2016 – Hufeld - quelle frank-beer.com_BafinIm Interview mit der Versicherungswirtschaft spricht Bafin-Präsident Felix Hufeld über die Beratungspflicht im Online-Geschäft. “Die meisten Neuerungen sind eher im Vertrieb zu beobachten. Konzentriert sich ein Insurtech ‘nur’ auf den Vertrieb und nicht auf den Betrieb des Versicherungsgeschäftes, so ist es für dessen Personal zwar hilfreich, aber nicht zwingend notwendig, das gleiche Know-how zu haben wie der Vorstand einer Versicherung.”

VWheute: Insurtechs würden auch nur mit Wasser kochen und echte Produktinnovationen gebe es nicht, bemängeln die einen. Andere hingegen sehen sie als revolutionäre Cashcows. Welche Meinung vertreten Sie?

Felix Hufeld: Zunächst ist es großartig, wenn neue Ideen entstehen, auch und gerade in der Finanzindustrie. In Deutschland stehen wir mit den Insurtechs am Anfang der Entwicklung. Wenn ich einen Blick in die Zukunft wage, kann ich zwei Dinge erkennen: Die Digitalisierung wird die Branche verändern, und es wird Unternehmen geben, die sich mit neuen Geschäftsmodellen durchsetzen, während andere vom Markt verschwinden werden. Eine normale Entwicklung, wenn Innovationen auftauchen. Derzeit sind die meisten digitalen Neuerungen auf dem Versicherungsmarkt aber tatsächlich eher im Vertrieb zu beobachten. Hierbei gibt es mehrere Varianten: Da sind z.B. die Vergleichsportale, die auf große Prämienpools abzielen oder auch Online-Makler, die Provisionen erhalten. Der Versicherungsvertrieb scheint derzeit somit auch am stärksten vor Umbrüchen aufgrund digitaler Innovationen zu stehen.

VWheute: Sie betonten, dass es keine digitalen Sandkastenspielchen für Insurtechs wie in Großbritannien geben werde. Was meinten Sie damit?

Felix Hufeld: Wir unterscheiden bewusst zwischen Aufsicht und Regulierung. Wir, die Bafin, betreiben Aufsicht. Aber wir wirken natürlich auch an regulatorischen Vorhaben mit – auf nationaler, europäischer und globaler Ebene. Der Gesetzgeber hat die Aufsicht bewusst nicht mit einem Wirtschaftsförderungsauftrag ausgestattet. Deshalb gibt es bei uns keine “Aufsicht light”. Etwas anderes ist es, wenn die Politik sich entscheidet, Start-ups zu fördern und entsprechende Initiativen ins Leben ruft. Das ist klassische Innovationsförderung und selbstverständlich zu begrüßen. Hinzu kommt, dass Unternehmen des Versicherungsvertriebes nicht unter der Aufsicht der Bafin stehen. Sie benötigen keine Zulassung durch die Bafin, sie benötigen vielmehr eine Erlaubnis ihrer IHK oder der Gewerbeämter. Betreibt ein Unternehmen dagegen das Versicherungsgeschäft, so ist die Zulassung durch die Bafin notwendig. Für die Zulassung gibt es gesetzliche Anforderungen, die jede Versicherung einhalten muss. Hierzu gehören auch die Anforderungen des neuen Aufsichtsregimes Solvency II, die z.B. die Schlüsselfunktionen betreffen und die Funktionstrennung fordern. Dies gilt auch für Versicherungen mit digitalen Strukturen. Tatsächlich liegt uns im Moment nur ein Antrag auf Zulassung zum Versicherungsbetrieb für einen digitalen Krankenversicherer vor.

VWheute: Nur bei wenigen Insurtechs findet sich Personal mit Versicherungs-Know-how. Können diese überhaupt ihre Beratungspflicht erfüllen?

Felix Hufeld: Die Insurtechs, die sich auf den Vertrieb konzentrieren, müssen alle gesetzlichen Anforderungen an die Beratungspflicht erfüllen. Konzentriert sich ein Insurtech “nur” auf den Vertrieb und nicht auf den Betrieb des Versicherungsgeschäftes, so ist es für dessen Personal zwar hilfreich, aber nicht zwingend notwendig, das gleiche Know-how zu haben wie z.B. der Vorstand einer Versicherung.

VWheute: Was irgendwie nach Routine aussieht, wird automatisiert, auch im direkten Kundenkontakt. Können komplexe Produkte wie Lebensversicherungen online vertrieben werden?

Felix Hufeld: Die Produkte befinden sich tatsächlich in einem Spannungsfeld aus Komplexität und Vereinfachung, in dem noch experimentiert wird. Die Online-Beratung ist sicher nicht für jeden Kunden und jedes Produkt das Richtige. Aber wenn ein Vertrieb auf technikaffine Kunden abzielt und diesen geeignete Produkte online anbietet, ergeben sich Chancen für die Unternehmen und die Kunden.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur David Gorr.

Bild: Bafin-Präsident Felix Hufeld  (Quelle: Frank Beer /Bafin)

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