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Gewinnt die mittelalterliche Alchemie die Oberhand?

18.04.2016 – stephan_becher_scorBei den Lebensversicherern der Entwicklung zur digitalisierten Bearbeitung ein Trend zur Reduktion von Versicherungsmedizinern zu beobachten, konstatiert Versicherungsmediziner Stephan Becher im VWheute-Interview. Angesichts des Big-Data-Hypes sei “zu befürchten, dass der Traum der mittelalterlichen Alchemie wieder Oberhand gewinnt”.

VWheute: Welches sind aktuell die größten thematischen Herausforderungen in der Versicherungsmedizin?

Stephan Becher: Es gibt Versicherungsmediziner, die auf der einen Seite für die Lebensversicherer arbeiten und solche die für die privaten Krankenversicherer tätig sind. Bei den Lebensversichern ist durch den Umbruch in diesem Feld mit der Entwicklung zur digitalisierten Bearbeitung ein Trend zur Reduktion von Versicherungsmedizinern zu beobachten, während bei den Krankenversicherern ein gegenläufiger Trend zu beobachten ist.

Dort werden unter dem Aspekt Kostenmanagement Fachärzte zunehmend eingesetzt. Die Lebensversicherer bedienen sich eher der Rückversicherer, die ihren Stamm an medizinischen Spezialisten stabil halten. Thematisch stehen Personalisierte Medizin, predictive underwriting, Big Data mit “pay as you live” im Vordergrund bei den Lebensversicherern. Die klassischen Einzelfallentscheidungen, so wie es bisher üblich war, wird durch konzeptionelles Arbeiten in Form von Produktentwicklung, wissenschaftlicher Recherche und Fortbildung zunehmend ersetzt werden.

VWheute: Welche Impulse erhoffen Sie sich durch das Treffen des Fachkreises für die Praxis?

Stephan Becher: Der wissenschaftliche Austausch gibt dem “Alleinkämpfer” Gesellschaftsarzt die Möglichkeit einer fachlichen Weiterentwicklung um den Herausforderungen der immer komplexeren Anforderungen gerecht zu werden (Beispiel: Risikoentscheidungen müssen dem Kunden zunehmend wissenschaftlich begründet werden, Fortschritte der Medizin sind in Annahmerichtlinien umzusetzen).

Auf der Fachtagung werden Probleme aus der täglichen Praxis vorgestellt und diskutiert. In der nun seit Jahren bewährten “Sandwichform” der Veranstaltung (Vortrag/Seminar/Vortrag) bleibt Zeit auch zu Diskussion in den Foren.

VWheute: Wo braucht es künftig verstärkt die berufskundliche Expertise der Versicherungsmediziner?

Stephan Becher: Die BU ist immer noch eines der wichtigsten biometrischen Produkte im deutschen Markt. Hier kommt es insbesondere in der Leistungsprüfung auf die Bewertung des Arztes an, der neben der Medizin, dem Tätigkeitsprofil auch die rechtlichen Hintergründe wie sie zum Beispiel in der FEV formuliert sind, kennen muss. Viele der Gesellschaftsärzte bei den Lebensversicherern sind deshalb Fachärzte für Arbeitsmedizin, die die Arbeitsbedingungen vor Ort kennen.

VWheute: Sie hatten selbst unlängst kritisiert, dass gerade für die biometrischen Produkte medizinische Expertise weniger abgefragt wird. Wird sich dieser Trend im Zuge der Digitalisierung fortsetzen und den Berufsstand gefährden?

Stephan Becher: Die Digitalisierung wird nachgewiesenermaßen Arbeitsplätze bei Beschäftigen im mittleren Anforderungsbereich auch bei den Versicherern verschwinden lassen (ca. sieben Mio. Angestellte bis 2025 für den gesamten deutschen Arbeitsmarkt). Nur spezialisiertes Fachwissen wird noch benötigt werden. Dieses wäre bei den Versicherungsmedizinern vorhanden. Im Überschwang des Big-Data-Hype steht aber zu befürchten, dass der Traum der mittelalterlichen Alchemie wieder Oberhand gewinnt und sich bei einer abrupten 180-Grad-Wende möglicherweise nach ein paar Jahren der “Party” alle verkatert umsehen, wenn die Unternehmen erkennen müssen, dass es nicht ganze ohne inhaltlichen Sachverstand geht.

Schon heute ist erkennbar, dass Versicherer ohne medizinisches Know-how teilweise fehlerhaft entscheiden, wenn es zum Beispiel um Gentests geht, die im Rahme von Voranfragen gestreut werden. Unternehmen, die einen gesunden Mittelweg einschlagen wird der Erfolg zukünftig kaum zu nehmen sein. Auch Google wird absehbar keine besseren Autos bauen als die deutschen Premiumhersteller.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Rafael Kurz.

Bild: PD Dr. Stephan Becher ist Medical Director bei Scor Global Life SE in Köln und referiert am Mittwoch auf dem Fachkreis Versicherungsmedizin des Deutschen Vereins für Versicherungswissenschaft (Quelle: privat)

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