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“Gesundheitswesen entwickelt sich zum Netzwerk für Gesundheit”

08.09.2015 – andrea_belliger_privat“In zehn Jahren hat sich das Gesundheitswesen von einem System, das vorrangig Krankheit beseitigt, zu einem Netzwerk für Gesundheit entwickelt”, prognostiziert Andréa Belliger von der Pädagogischen Hochschule Luzern. Eine wesentliche Rolle spielt die dezentrale Generierung von Daten: “Basierend auf den geteilten Daten profitieren Patienten von schnelleren und besseren Diagnosen und können dementsprechend besser behandelt werden”.

VWheute: Welche Lücken kann Digital Health wirklich schließen?

Andréa Belliger: Digital Health ist für mich Oberbegriff für alle Formen von Vernetzungen im Gesundheitsbereich, sei dies auf technischer, organisationaler oder kommunikativer Ebene. Es handelt sich dabei aber weniger um eine technologische Innovation, als vielmehr um eine soziale Bewegung, in deren Zentrum eine einfache, aber bestechende Philosophie steht: jene des Teilens und Mitteilens, des Interagierens und des Partizipierens.

Dieser vernetzte, partizipative Ansatz im Umgang mit Gesundheit und Krankheit begegnet gegenwärtigen Schwachstellen – oder wie Sie es nennen Lücken – mit der Vision eines neu gedachten Gesundheitswesens, das durchlässiger, offener und weniger hierarchisch ist, das eine Kommunikation zwischen Experten und Laien auf Augenhöhe ermöglicht, das Patienten und Angehörige als Partner in Prozesse integriert, das nicht in erster Linie Krankheit fokussiert und zum Ertragstreiber für die Akteure macht, sondern Gesundheit im Zentrum hat.

Mich interessieren dabei Fragen wie: Wie wirken sich neue Formen der Netzwerkbildung auf das Zusammenspiel der Akteure im Gesundheitswesen aus? Wie verändern sich die Ansprüche von Patienten und Gesundheitskonsumenten ans Gesundheitswesen? Wie gehen die Leistungserbringer und Kostenträger mit den neuen Forderungen nach Kommunikation, Partizipation und Transparenz um? Wie verändern neue Technologien den Umgang mit Gesundheit und Krankheit?

VWheute: Welche Einsatzgebiete können Sie sich vorstellen, die sich Laien heute noch nicht vorstellen können?

Andréa Belliger: Die Trends und technologischen Innovationen im Gesundheitsbereich sind bereits heute auch für Experten kaum überschaubar: es gibt über 50.000 Gesundheits-Apps, hunderte mobiler smarter Geräte, so genannte “Wearables” und “Insideables” mit Biosensoren, die Vitalfunktionen messen, kluge Socken, die nicht nur Kilometerzahl, Höhenmeter und verbrannte Kalorien messen, sondern auch meinen Laufstil analysieren, “Foodscanner”, die mittels Lichtwellen Inhaltsstoffe von Nahrungsmitteln und Getränken analysieren können, 3-D-Drucker, um Knorpel, ganze Organe oder Pillen zu drucken, das Mini-Labor auf dem Chip, das mit einem Blutstropfen 20 Krankheiten erkennen kann, smarte Uhren und Häuser, Algorithmen, die große Datenmengen interpretieren und die nächste Grippewelle im Voraus ankündigen können, um nur ein paar zu nennen.

Diese Trends gehen in Richtung dezentrale Generierung von Daten, die Aggregation dieser riesigen Datenmengen, prädiktive Analysen und personalisierte Medizin. Basierend auf den geteilten Daten profitieren Patienten von schnelleren und besseren Diagnosen und können dementsprechend besser behandelt werden. Weiß der behandelnde Arzt beispielsweise nicht, dass Sie eine Unverträglichkeit gegenüber gewissen Medikamenten aufweisen oder bereits eine Computertomographie gemacht wurde, setzt er Sie möglicherweise unnötigen Risiken aus.

Aber das ist untrennbar verbunden mit einem anderen Trend, nämlich dass der Mensch wieder stärker in den Fokus rückt, soziale Netzwerke und Freunde eine wichtige Rolle im Umgang mit Gesundheit und Krankheit sowie in der Betreuung und Pflege übernehmen, dass eine offene und dialogbereite Kommunikation gefordert wird sowie Transparenz, nicht zuletzt im Umgang mit den persönlichen Gesundheitsdaten der einzelnen.

VWheute: Wo muss für gesellschaftliche Akzeptanz des Kulturwandels geworben werden?

Andréa Belliger: In erster Linie bei den etablierten Akteuren im Gesundheitswesen, bei Leistungserbringern und Versicherungen. Das Thema eHealth als Teilbereich von digital health steht ja schon lange auf der politischen Agenda, aber mit der Umsetzung tut man sich extrem schwer. Seit Jahren wird versucht mittels so genannten eHealth-Strategien die digitale Vernetzung von Ärzten und Spitälern voranzutreiben, um Prozesse zu vereinfachen und die Qualität im Gesundheitswesen zu verbessern. Im Vergleich zur technologischen Entwicklung und den Erwartungen der Konsumenten geht die digitale Vernetzung allerdings extrem langsam vonstatten. Unser Gesundheitswesen ist in seiner Struktur und Organisation sehr statisch und es gibt für die Hauptakteure faktisch keine Anreize, die aktuelle Komfortzone zu verlassen.

Es zeichnet sich aber ab, dass von Bürger- und Patientenseite verstärkt der Druck kommen wird, medizinische Daten zugänglich zu machen und darüber hinaus endlich die Schnittstellen zwischen den Leistungserbringern im Sinne der integrierten Versorgung zu öffnen, damit Kooperation und Koordination optimiert werden können.
Auch die Schnittstelle vom Gesundheitswesen und der Politik zur Industrie, die mit jungen Startups im Bereich der digitalen Gesundheit gegenwärtig gemeinsam mit den Konsumenten Treiber der Entwicklungen ist, muss neu gedacht werden. Junge Unternehmen im Bereich der digitalen Gesundheit benötigen an der Schnittstelle des ersten und zweiten Gesundheitsmarktes ein förderliches, nicht überreguliertes Umfeld, um Innovation voranzutreiben. Denn die Auseinandersetzung mit Gesundheit und Krankheit ist aus Sicht von Gesundheitskonsumenten und Patienten fliessend geworden, insofern als sie nicht mehr an den Grenzen des Spitals oder der Arztpraxis halt macht, sondern sich als eine Art Kontinuum über verschiedene Orte, Zeiten, Technologien, soziale Settings, aber auch über verschiedene Märkte hinweg bewegt.

VWheute: Wo sehen Sie das Gesundheitswesen in zehn Jahren?

Andréa Belliger: In zehn Jahren hat sich das Gesundheitswesen von einem System, das vorrangig Krankheit beseitigt, zu einem Netzwerk für Gesundheit entwickelt. Wir erleben nämlich gerade in allen Gesellschaftsbereichen, sei dies Bildung, Wirtschaft, Politik oder Gesundheit, den Beginn eines Übergangs von Systemen hin zu Netzwerken. Netzwerke erklären wie soziale Strukturen aus Interaktionen entstehen. Das Gesundheitswesen als Netzwerk zu verstehen ist interessant, weil wir damit einen Denkansatz zur Verfügung haben, der Verbindungsmöglichkeiten zwischen autonomen, markt- und eigeninteressenorientierten Individuen auf der einen Seite und Makrostrukturen, hierarchischen Gebilden, fixen Handlungsvorgaben und normativen Gruppenregeln auf der anderen Seite herstellt.

Lange Zeit drehte sich die Diskussion um die Zukunft des Gesundheitswesens um die Themen Effizienzsteigerung von Prozessen, die Senkung von Kosten und die Reduktion von Fehlern durch den Einsatz neuer Informations- und Kommunikationstechnologien. Doch nun kommt mit der Slogan “consumer driven ehealth” Bewegung in diese Diskussion. Was leicht und elegant über die Lippen kommt, impliziert einen fundamentalen Wandel weg von der Technik hin zum Konsumenten und Patienten als Treiber von Gesundheitsinnovation. Mit anderen Worten: Vernetzung, offene Kommunikation und Transparenz werden das Gesundheitswesen ähnlich verändern wie der PC damals die IT-Branche: Ein Machtinstrument einiger Weniger wurde zu einem Alltagstool für die Massen.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Rafael Kurz.

Bild: Prof. Dr. Andréa Belliger ist Prorektorin der Pädagogischen Hochschule Luzern und Co-Leiterin des Instituts für Kommunikation und Führung. (Quelle: privat)

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