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“Geschäftsmodell nicht tatenlos zerstückeln lassen”

29.06.2016 – Riek_PrivatDie aktuellen Entwicklungen einzudämmen, wegzudiskutieren oder zu verbieten lähmt die Branche und degradiert sie zu Verteidigern, sagt Christian Rieck, Lehrstuhlinhaber an der FH Frankfurt. “Was irgendwie nach Routine aussieht, wird in den nächsten Jahren automatisiert, und zwar auch im direkten Kontakt mit den Kunden”, warnt der Experte im Interview mit VWheute. Doch er weist auch Wege in die Zukunft des Vertriebs.

VWheute: Banken sind schon mitten im Struggle mit den Fintechs und sie setzen auf Verteidigung. Sie waren auch schon bei großen Versicherern zu Gast. Wie bewerten Sie die Lage dort?

Christian Rieck: Die Versicherungen stehen vor der Aufgabe, alle digitalen Schritte so zu unternehmen, dass sie sich nicht von den eigenen Vertriebsorganisationen entfremden. Dieser vordergründige Nachteil kann aber zur Stärke werden, weil der vermutlich erfolgversprechendste Weg in die digitale Zukunft in einer Kombination aus Mensch und Maschine besteht.

Hierbei gibt es zwei Arten von Abgrund: Den Menschen zu sehr zu vernachlässigen oder die Maschine zu sehr zu vernachlässigen. Im Moment macht die Branche noch eher den zweiten Fehler und könnte das bald bitter bereuen. Die Versicherungen, mit denen ich zu tun hatte, sehen das natürlich, sonst hätten sie mich ja nicht eingeladen. Aber insgesamt scheint mir, dass die Branche das Ausmaß der Änderungen noch hoffnungslos unterschätzt. Versicherungen hatten noch länger eine digitale Schonfrist als die Banken, aber diese neigt sich dem Ende.

VWheute: Welche Ratschläge haben Sie für die Unternehmen im Gepäck?

Christian Rieck: Im Moment gibt es noch viele Überlegungen, wie man die neuen Entwicklungen eindämmen, wegdiskutieren oder verbieten kann. Das halte ich für den falschen Weg, denn er lähmt die Branche und degradiert sie zu reinen Verteidigern.

Ich empfehle, Tochtergesellschaften zu gründen, in denen weiträumig experimentiert werden darf. Wichtig ist dabei, dass man einerseits zwar Fehler machen darf, dass aber andererseits die Karriere der dort Beschäftigten von dem Erfolg der Idee abhängt. Nur dann entsteht zugleich genug Freiraum und Druck, damit wirklich etwas passiert. Und dann wird man eines Tages in der Situation sein, in der eine dieser Tochtergesellschaften wichtiger und größer wird als die Mutter. Das gibt noch einmal eine Zäsur, bei der leicht etwas schief gehen kann.

Was ich für wichtig halte: Man darf sich durch Automatisierung sein Geschäftsmodell nicht tatenlos durch Andere zerstückeln lassen, sondern muss Strategien entwickeln, neue Technologien zu einem ebenfalls neuen Gesamtwerk zu verbinden. Und zwar auch dann, wenn es das bestehende Geschäftsmodell zerstört. Wenn ich Workshops durchführe, dann ist dieser Schritt erkennbar der emotional schwierigste.

VWheute: Wo sehen Sie das Potenzial für “Roboter” im Versicherungsgeschäft?

Christian Rieck: Roboter ist im Moment eine Metapher für die unterschiedlichsten Erscheinungsformen von künstlicher Intelligenz. Das klingt nach Science-Fiction, ist aber schon längst Gegenwart. Wir erkennen die Roboter nur deshalb so schlecht, weil sie nicht wie Industrieroboter mit eigenen Körpern daherkommen, sondern die Roboter der Finanzbranche sind körperlos.

Wenn man das verstanden hat, dann sieht man die Roboter überall und erkennt auch deren Potenzial. Als einfache Faustregel lässt sich sagen: Was irgendwie nach Routine aussieht, wird in den nächsten Jahren automatisiert, und zwar auch im direkten Kontakt mit den Kunden.

VWheute: Was können Roboter hier aber auch in Zukunft nicht besser machen?

Christian Riek: In einer Übergangsphase erhöhen Roboter die Produktivität der Menschen im alten Geschäftsmodell, brauchen die Menschen also, um das Alte besser machen zu können. Man darf sich hier aber nicht blenden lassen und denken, diese vorübergehenden Schwächen der Roboter blieben für immer bestehen. Sie werden besser und dann greifen sie die alten Geschäftsmodelle an, nicht mehr nur einzelne Arbeitsplätze. Man sollte also nie auf das setzen, was Maschinen gerade nicht so gut können, denn das ändert sich schnell.

Stattdessen muss man fragen, welche neuen Dinge möglich werden und welche Rolle Menschen in diesen neuen Gebilden haben. Anders gesagt, es entsteht neue Arbeit, die wir uns noch gar nicht vorstellen können. Auch hier habe ich aber eine Faustregel für die Richtung: Wann immer es um das Verstehen der Wünsche von Menschen geht, dann liegen Menschen besser im Rennen als Roboter. Wir mögen Menschen einfach lieber als Maschinen. In diese Richtung sollte man denken, wenn es um unsere neue Rolle geht.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Rafael Kurz.

Bild: Christian Rieck, Lehrstuhlinhaber für Finanzen und Wirtschaftstheorie an der Frankfurt University of Applied Sciences. (Quelle: Privat)

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