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“Für Aktuare gibt es kein Business as Usual”

30.04.2015 – SchneemeierFür die Arbeit der Aktuare gibt es angesichts der Turbulenzen am Kapitalmarkt “kein business as usual”, sagt Wilhelm Schneemeier, neuer Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV). So werde das Aufgabengebiet angesichts der derzeitigen Herausforderungen durch Solvency II und das LVRG immer vielfältiger und anspruchsvoller, schildert er im Exklusivinterview mit VWheute.

VWheute: Die VAG-Novelle ist durch, Solvency II vorbereitet und die ersten Wogen des LVRG sind geglättet – tatsächlich? Welches sind und welche werden die aktuellen Themen des DAV in den kommenden Monaten?

Wilhelm Schneemeier: Sie haben Recht, die Gesetzesvorhaben sind inzwischen weitgehend in die Umsetzung gegangen. Wegen der dramatischen Turbulenzen an den Kapitalmärkten gibt es für uns Aktuare aber kein “business as usual”. Ein großer Schwerpunkt bleibt darüber hinaus die Auseinandersetzung mit Solvency II ab dem 1. Januar 2016, aber auch beim LVRG bleibt noch einiges abzuarbeiten.

Angesichts der mit dem neuen europäischen Aufsichtsregime verbundenen Vorschriften werden wir unsere Aus- und Weiterbildungsaktivitäten vor allem im Bereich des Risikomanagements weiter ausbauen. Zudem wird die DAV ihren knapp 4.500 Mitgliedern künftig noch mehr Unterstützung für die tägliche Arbeit anbieten, um den veränderten Bewertungsanforderungen gerecht zu werden.

Ein weiterer Schwerpunkt unserer Arbeit wird sein, die langfristigen Folgen der aktuellen Niedrigzinsphase transparent zu machen. Allen politischen Entscheidungsträgern muss bewusst werden, dass bei den heutigen Bilanz- und Solvenzvorschriften auch ein steigendes Zinsniveau nicht kurzfristig zu einer verbesserten Situation für Versicherungsnehmer und Versicherungen führen wird.

VWheute: Gerade die Lebensversicherung wird fast täglich totgeschrieben oder dem Abgrund genähert: Ist das Produkt aus aktuarieller Sicht noch zu retten?

Wilhelm Schneemeier: Wir müssen hier zwischen den Spar- und den Risikoprodukten in der Lebensversicherung unterscheiden. Risikoprodukte wie Berufsunfähigkeitsversicherungen funktionieren nach wie vor sehr gut. Die klassischen Sparprodukte stehen jedoch aufgrund des extremen Zinsverfalls unter Druck.

Eine heute schon viel genutzte Möglichkeit, dieses Problem zu umgehen, sind fondgebundene Produkte oder Hybridkonstruktionen. Dennoch glaube ich, dass auch die Idee des Deckungsstocks als Kernelement des deutschen Geschäftsmodells Zukunft hat, schließlich brauchen wir auch für den Sparprozess einen Ausgleich im Kollektiv. Die Garantien werden sich aber ändern.

VWheute: Welches sind die (neuen) “Lieblingsprodukte” eines Aktuars? Wo kann er sein Können am besten unter Beweis stellen?

Wilhelm Schneemeier: Das Aufgabengebiet der Aktuare wird immer vielfältiger und vor dem Hintergrund der bereits beschriebenen Herausforderungen auch immer anspruchsvoller. Sowohl in der Sach- als auch in der Lebensversicherung oder der betrieblichen Altersvorsorge gibt es regelmäßig neue Produktgruppen und Einzelprodukte, um den veränderten Marktbedingungen Rechnung zu tragen. Stets sind die Aktuare an deren Entwicklung im Zuge der Prämienkalkulation maßgeblich beteiligt.

Aus der Vergangenheit haben wir schmerzhaft lernen müssen, dass Zinszusagen ohne entsprechende Absicherung im Kapitalmarkt zu einer großen Belastung werden können. Insofern wird die “Lieblingsaufgabe der Aktuare” vielleicht künftig die Festlegung von dauerhaft finanzierbaren Garantien sein, die vermutlich nicht mehr lebenslang konstant sind.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Rafael Kurz.

Bild: Wilhelm Schneemeier wurde am Mittwoch zum neuen DAV-Vorstandsvorsitzenden gewählt. (Quelle: DAV)

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