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So funktioniert die Telematik der Versicherer!

31.10.2016 – Telematik_GDV“Fortschritt ist die Verwirklichung von Utopien”, sagte der Schriftsteller Oscar Wilde. Er hatte Recht. Im 21. Jahrhundert scheinen viele Utopien im Bereich der Mobilität von der Fantasie in die Realität übertragen zu werden.

Selbst fahrende Autos durchkreuzen die Städte und immer mehr Autos werden durch Wasserstoff oder Strom angetrieben. Bereits ganz normal ist für Autofahrer die Nutzung von technischen Hilfsmitteln wie ABS, Sensoren mit Abstandswarnung und Abstands – oder Geschwindigkeitstempomat. Da wollen die Versicherer nicht hinten anstehen und setzen auf kleine bTechnikboxen, die die Fahrdaten der Versicherten auswerten und dadurch vorsichtiges Fahren in Form von Beitragsermäßigungen belohnen. Das Verbraucherportal Finanztip kritisiert die neuen Telematiktarife scharf. VWheute hat bei Versicherern nachgefragt, was aufgezeichnet und wie bewertet wird.

VWheute: Welche Fahrdaten werden beim Telematiktarif erhoben und wie stark bei der bei der Preisgestaltung berücksichtigt?

Huk-Coburg: Die Box erfasst Geschwindigkeit, Position, Beschleunigung, Bremsen, Zeit und weitere systeminterne Daten (z.B. zur Qualität der gemessenen Fahrdaten). Daraus werden Fahrtrichtung und zurückgelegte Entfernung berechnet. Zugespielt werden Informationen aus Straßen- und Verkehrskarten (z.B. Art der befahrenen Straße).

Generali: Folgende Faktoren fließen in die Berechnung des Scores ein: Wahl der Geschwindigkeit, Bremsen vor Knotenpunkten und Kreuzung, Beschleunigung nach Knotenpunkten und Kreuzung, Bremsen vor Kurven, Bremsen auf gerader Strecke, Beschleunigung auf gerader Strecke. Grundlage des Scores sind die sekündlich gemessenen GPS-Koordinaten des Fahrers, die über die Smartphone-App aufgezeichnet werden. So entsteht ein Bewegungs- und Geschwindigkeitsprofil, aus dem das Fahrverhalten ermittelt wird. Der Score ergibt sich schließlich als Abweichung der gemessenen individuellen Daten von einer optimalen Fahrweise und liegt zwischen 0 (niedrig) und 100 (hoch) Punkten. Der ermittelte Score fließt neben anderen Faktoren als maßgeblicher Faktor in die Prämienberechnung bei Generali Mobility ein.

Allianz: Beim Allianz Telematik-Kfz-Tarif ist das Einhalten der Geschwindigkeitsbeschränkungen eines der Messkriterien und geht mit zehn Prozent in die Fahrtwertung ein. Weitere Messkriterien sind Bremsvorgänge (Anteil an der Fahrtwertung 30 Prozent), Beschleunigungsvorgänge (20 Prozent), das Kurvenfahrverhalten (20 Prozent) sowie der Wochentag/Tageszeit/Straßenart (= innerorts, Landstraße oder Autobahn), (20 Prozent). Wichtig ist, dass BonusDrive-Kunden, selbst wenn sie sich keinen Rabatt erfahren, nicht mehr zahlen als Kunden, die sich nicht für BonusDrive entscheiden.

VWheute: Finanztipp vermutet, dass Faktoren wie hartes Bremsen, überhöhte Geschwindigkeiten, schnelles Beschleunigen bei Telematiktarifen negativ bewertet würden. Außerdem Nacht- und Innenstadtfahrten. Bedeutet das, dass ein Stadtbewohner, der nachts zur Arbeit fährt, besser einen anderen Tarif wählen sollte?

Huk-Coburg: Wesentlich für die Bewertung und für den Bonus ist das generelle Fahrverhalten in einer Gesamtschau. Es wird abgeleitet aus der Kombination der Kriterien Geschwindigkeit, Beschleunigung, Bremsen, Lenken, Zeit und Ort. Die Berechnungen erfolgen auf der Grundlage wissenschaftlich anerkannter mathematischer-analytischer Verfahren und Modelle. Ein einzelnes Kriterium (z.B. Fahrten zu ungünstigen Verkehrszeiten) führt – isoliert betrachtet – oftmals nicht zu einer zutreffenden Bewertung des Fahrverhaltens. So sind zum Beispiel Nachfahrten zwischen Wohnung und Arbeitsstätte an sich noch kein Sicherheitsrisiko, sondern erst in Kombination mit aggressivem Fahren. Nicht entscheidend ist zum Beispiel ein einzelner Fahrfehler oder ein einzelnes Ereignis. Hartes Bremsen oder schnelles Beschleunigen ist in vielen Verkehrssituationen sogar die richtige Reaktion. Sicherheitsoptimiertes Fahren zeichnet sich durch aufmerksames, vorausschauendes und defensives Fahren im Verkehrsfluss aus. Häufiges Fahren spät nachts auf Landstraßen mit überhöhter Geschwindigkeit führt hingegen zu einer negativen Bewertung. Hier spielen die Kriterien ungünstige Zeit und riskantes Geschwindigkeitsverhalten eine Rolle.

Generali: Der Fahrscore ergibt sich als Abweichung der gemessenen individuellen Daten von einer optimalen, der Straßenart angepassten Fahrweise. Zu diesem Zweck wird die Fahrstrecke in einem System von vielen verschiedenen Fahrsituationen kategorisiert. Da sich die optimale Fahrweise zwischen den verschiedenen Straßenarten unterscheidet, spielt es also eine Rolle, ob der Kunde außerorts, am Stadtrand oder in der Innenstadt fährt oder ob er eine Autobahn, eine Hauptstraße oder eine Nebenstraße benutzt. Wann, also zu welcher Uhrzeit und an welchem Tag, der Kunde fährt, spielt keine Rolle.

Allianz: Eine pauschale Aussage lässt sich hier nicht treffen. Grundsätzlich lässt sich aber sagen, dass beim Allianz BonusDrive Tarif der verdichtete Wert aus Wochentag, Tageszeit und Straßenart nur ein Aspekt der Fahrtwertung ist. 80 Prozent der Bewertung gehen allein auf das persönliche Fahrverhalten zurück. Es wird außerdem die Gesamtheit aller Fahrten beurteilt, also privat wie beruflich. Der Nachtarbeiter, der in der Stadt wohnt, kann sich so ebenfalls einen Rabatt erfahren.

Zitatgeber:

  • Stefan Duscha, Projektleiter Telematik bei der Allianz Deutschland
  • Ute Apel, Country Functional Head / TechEx P&C bei Generali
  • Huk-Coburg, Fachabteilung Telematik

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.

Bild: Telematik-Aufzeichnung (Quelle: GDV)

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