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“Freiheit ist ein Wagnis”

30.06.2015 – paul_kirchhof_uniheidelbergWieviel Freiheit verträgt eine Gesellschaft? Und wieviel Regulierung bedarf es für ein funktionierendes Staatswesen? Und wie sehen die Antworten auf die Herausforderungen der Zukunft aus? Fragen, die in Zeiten der Veränderung kontroverser diskutiert werden denn je. Für den ehemaligen Bundesverfassungsrichter Paul Kirchhof ist jedenfalls klar: “Freiheit ist ein Wagnis!”

“Ich habe mich entschieden und daher ist es richtig”, lautete die Devise des Verfassungsrechtlers in einem Impulsvortrag auf dem gestrigen “Finanzforum Vordenken” der Vermögensberatung Plansecur in der altehrwürdigen Goethe-Universität Frankfurt. “Ich darf mich entscheiden. Und so soll es sein”, betonte Kirchhof mit einem durchaus kritischen Blick auf das aktuelle Zeitgeschehen.

“Wir erleben derzeit einen Staat, der diese Freiheit verloren hat”, so Kirchhof. Man erlebe vielmehr eine Überregulierung – sei es beispielsweise in Fragen des Mindestlohns oder der Gleichberechtigung. Doch was ist zu tun? “Wir müssen deregulieren!”, so seine Forderung. “Es darf in jedem Rechtsgebiet nur so viel Regeln gebe, wie sie der zuständige Referatsleiter im Kopf behält”, betonte der ehemalige Verfassungsrichter – was ihm zweifellos die größte Zustimmung im Saale einbrachte.

Allerdings sei verantwortliche Freiheit auch immer ausgerichtet auf den Menschen, die Gleichberechtigung und sexuelle Selbstbestimmung im Privaten, so Kirchhof verbunden mit einer Warnung: “Freiheit misslingt ohne staatliche Bindung und Verantwortlichkeit”. Denn Offenheit bedeute auch, dass “innere Bindungen an einen Staat weniger werden” können.

Ebenso kritisch setzte sich der Verfassungsrechtler aber auch mit anderen aktuellen Themen der Zeit auseinander. Im Mittelpunkt natürlich die aktuelle Krise in Griechenland: “Wenn wir Griechenland zwingen, die Schulden zu erhöhen, um andere Schulden zu bedienen, ernten wir Gegenwehr”, schrieb Kirchhof den Anwesenden ins Gästebuch und ging sogar noch einen Schritt weiter: “Wir provozieren eine Revolution”. Vielmehr “müssen wir Werte schaffen und nicht Geld schicken, wo wir nicht wissen, wo es hingeht”, lautete die Forderung.

Selbst das Thema Digitalisierung ließ Kirchhof nicht unerwähnt: Der Mensch sei einer “Beobachtungs- und Ausforschungsmacht ausgesetzt”. Neben der zunehmenden Anonymität nehme eine “programmierte Freiheit” einen immer größeren Raum ein. So beruhe derzeit die Auswahl in der digitalen Welt nicht in der Vernunft, sondern auf den Vorgaben der Anbietenden, lautete seine Kritik.

Doch ganz gleich, wie sehr sich die Gesellschaft in den einzelnen Lebensbereichen verändern wird: In der Zukunft kommt es vor allem, auf die Fähigkeit an, vorzudenken. Und dies “ist oft Anstrengung und Arbeit, aber auch Auszeichnung und Erwartung”, so Kirchhof. Denn “Vordenken heißt immer auch Nachdenken”. (td)

Bild: Paul Kirchhof (Quelle: Universität Heidelberg)

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