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F&E als Motor der Innovation

03.12.2013 – scharekEin Rundumblick auf die deutsche Versicherungslandschaft zeigt – novemberbezogen – ein raues, unfreundliches Klima – die Branche lebt in unruhiger und umbrechender Zeit. Viele Fragen sind in unternehmerischer und branchenpolitischer Verantwortung zu beantworten. Und es kann und darf nicht mehr darum gehen, sich im Für und Wider zu verstricken oder rückwärts gerichtet an den gesetzgeberischen oder marktmäßigen „Weisheiten“ der Vergangenheit herumzumäkeln. Eine offensive Blickrichtung ist angesagt.

Von Dr. Bernhard Schareck

Und bei allen strategischen Betrachtungen: Alles bedarf hochprofessioneller Umsetzung – in den Unternehmen, im Markt mit Blick auf Kundenmentalität und politische Entwicklungen. Die „Industrialisierung des Geschäfts“ nimmt weiter Fahrt auf. Drehmoment aller Prozesse ist (oder sollte) der Erfolg der Vertriebe (sein).

Um dessen Leistungsvermögen geht es ganz wesentlich. Hier entscheidet sich die positive Reichweite unserer Branche im Markt und im öffentlichen Ansehen. Die Vertriebe sind die Multiplikatoren im Markt – und gerade sie müssen sich gewaltig verändern. Deshalb gehört der Vertrieb in den Fokus aller Modernisierungsvorhaben. Innovationen prioritär zur Verbesserung von Kostenstrukturen bringen Effizienzgewinne – das ist wichtig – aber noch kein Wachstum. Motor für Wachstum ist der Vertrieb.

Bereits 2007 hat der Stifterverband alarmierend darauf hingewiesen, dass Deutschland in den zurückliegenden rund 20 Jahren im internationalen Innovationswettbewerb ins Mittelmaß abgerutscht sei. Die Versicherungswirtschaft mit ihrer besonderen Kapitalkraft und volkswirtschaftlichen Bedeutung ist sicher auch Teil dieser Feststellung.

In unserer Branche, deren Geschäftsmodell und Fundament auf der Kenntnis und Einschätzung von Risiken basiert, ist ein eher risikoscheues Verhalten durchaus feststellbar. Es entsteht vermutlich aus der gelebten Mentalität zu stark verankerter Angst heraus, Fehler zu begehen. Wird am Bestehenden festgehalten, kann zumindest kein Fehlverhalten unterstellt werden. Dass ein besserer Zustand nicht erreicht wurde, lässt sich nur schwer nachweisen – dagegen könnten gescheiterte Einführungen neuer Konzepte, Produkte oder Prozesse direkte, vielleicht negative Konsequenzen für die Akteure haben.

Neue Entwicklungen und Trends lassen sich in rückwärts gerichteter Betrachtung aber nicht erkennen. Andererseits werden Informationen, Konzentration auf offene Fragestellungen und eine belastbare Datenbasis neben dem Gespür für kommende Entwicklungen benötigt.

Hier könnte eine deutlich verstärkte Zusammenarbeit mit den in Deutschland und im Ausland arbeitenden Wissenschaftseinrichtungen und Forschungsinstitutionen – auch durch öffentliche Präsentation der Arbeitsergebnisse – das Interesse der Kunden, der Medien und der politischen Multiplikatoren für die Durchsetzung von Inventionen (z. Bsp. „Pay as you drive“) weiter erhöhen und gleichzeitig die Ausbildung einer Innovationskultur maßgeblich unterstützen. Die in Deutschland etablierten Lehrstühle und Forschungseinrichtungen verfügen über eine hoch qualifizierte wissenschaftliche Expertise, die von den Unternehmen viel stärker im Sinne eines Wissenstransfers genutzt werden könnte. Strukturell könnte eine Forschungs- und Entwicklungseinheit als Daueraufgabe in den Unternehmen implementiert werden – als Vorbild könnte der F&E-Bereich der Industrie dienen.

Eine erfolgreiche Etablierung einer Innovationskultur im Versicherungssektor könnte zu einer wahrnehmbaren Reduzierung vorzufindender Innovationswiderstände führen und das Innovationskönnen erhöhen, mittelfristig sogar das Innovationspotenzial steigern. Beide Gruppen – Wissenschaft und Versicherungswirtschaft – sollten sich verstärkt mit- und füreinander engagieren. Ohne Zweifel werden heute schon vielfältige und produktive Kooperationen zwischen Wissenschaft und Versicherungswirtschaft gepflegt (Honorarprofessuren / Lehrbeauftragte aus der Wirtschaft / Universitäts- und Hochschulräte aus der Praxis / Stiftungslehrstühle / Fördervereine / Fortbildungsprogramme – siehe unten stehende Links) – aber sind diese (häufig regional verankerten) Beziehungen ausreichend?

Ein mir immer ins Auge fallendes Beispiel für weitreichende Kooperation liegt in der traditionell sehr intensiven Kooperation im Maschinenbau und den Ingenieurwissenschaften (gemeinsame Forschung / gemeinsame Ergebnisverwertung / wechselseitiger Personalaustausch), während die Möglichkeiten der doch immer wichtiger werdenden dienstleistungsorientierten Branchen und der korrespondierenden Wissenschaftsbereiche doch noch sehr erweiterbar erscheinen.

Mögliche Lösungsansätze:

  • Ausschöpfung der Bachelor – und Mastersysteme mit Blick auf die Nachwuchsförderung
  • Anreizsetzung zum Austausch zwischen den Akteuren
  • Praxissemester für Forscher (es gibt ja auch Forschungssemester)
  • Anreiz durch Anrechnung externer Lehre auf das Lehrdeputat
  • Regelmäßige Einbindung von Anwendern in Forschungsprojekte

Ganz allgemein sollte die Förderung unternehmerischen Denkens und Handelns auch in der Wissenschaft einen höheren Stellenwert gewinnen. Im Hochschulbereich wäre als Basis ein zeitgemäßes Berufsrecht notwendig. Grundsätzlich sehe ich seit meiner Studienzeit die Notwendigkeit, Wissenschaft und Praxis anwendungsorientiert zu verzahnen. Meine Tätigkeit an der FH Köln – im Hochschulrat oder im Förderverein des Instituts für Versicherungswesen – war immer geprägt von der Idee des viele Jahre dort amtierenden Präsidenten Prof. J. Metzner „Die Wissenschaft von der Praxis denken“.

Bild: Dr. Bernhard Schareck stand von 2003 bis 2008 dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) als Präsident vor. Von 1995 bis 2005 führte Schareck zehn Jahre als Vorsitzender der Vorstände die Karlsruher Versicherungsgruppe. Von 2008 bis 2013 war er Vorsitzender der Hochschulrats der Fachhochschule Köln und dort von 1993 bis 2011 Vorsitzender des Vorstands des Fördervereins für Versicherungswesen.  (Quelle: M. Herz)

Links: IVW Institut für Versicherungswesen FH Köln, Deutscher Verein für Versicherungswissenschaft, Institut für Versicherungswissenschaft an der Universität zu Köln, Institut für Versicherungswissenschaft Universität St. Gallen

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