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Experte: Versicherer sollten sich für die kommenden schwierigen Jahre rüsten

23.10.2014 – prof_grundl_150Die Vereinigung der Versicherungs-Betriebswirte e.V. (VVB) kommt heute zu ihrer Fachkreistagung Kapitalanlagen & Asset Management in Köln zusammen. Auf dem Programm stehen die Themen Kapitalmarktumfeld, Regulierung und das kommende Solvency-II Regime mit wissenschaftlicher Begleitung durch Referate der Herren Prof. Dr. Helmut Gründl von der Goethe Universität und  Prof. Dr. Thorsten Petry – Hochschule RheinMain. Im Exklusiv-Interview mit VWheute entwirft Versicherungsexperte Gründl verschiedene Zukunftsszenarien.

VWheute: Welches sind denn die möglichen Szenarien inklusive deren Effekte, die sich den Lebensversicherern aktuell auftun?

Im Prinzip sehe ich drei Szenarien. Im für alle, Kunden wie Unternehmen, besten Szenario steigen die Zinssätze in den kommenden Jahren wieder an, z.B. auf drei Prozent pro Jahr für zehnjährige Bundesanleihen. Hierbei würden sich nur geringe Ausfallrisiken durch Überschuldung von Versicherungsunternehmen ergeben. In einem mittleren Szenario, in dem die Zinsen in etwa auf dem Niveau von zwei Prozent liegen, ist in den kommenden Jahren grundsätzlich mit der Überschuldung von Lebensversicherungsunternehmen zu rechnen, jetzt nach Greifen des Lebensversicherungsreformgesetzes nach unseren Berechnungen im Schnitt bei ca zwei Prozent der Lebensversicherungsunternehmen in den kommenden zehn Jahren. Liegt der langfristige Zins bei nur etwa einem Prozent, so liegt die Ausfallwahrscheinlichkeit im Schnitt bei ca. zwei bis drei Prozent der Lebensversicherungsunternehmen in den kommenden zehn Jahren. Dies sind allerdings Durchschnittswerte, und vor allem Berechnungen ohne die Einbeziehung einer veränderten Unternehmenspolitik. Z.B. könnte man die Garantien in den Lebensversicherungsverträgen unter die gesetzliche Höchstgrenze zurückfahren und in der Folge in der Kapitalanlagepolitik verstärkt auf Aktien setzen.

Hat das LVRG hier schon Verbesserungen gebracht? Wo könnte der Gesetzgeber noch nachlegen?

Das LVRG hat nach unseren Berechnungen einen sehr vorteilhaften Effekt auf die Solvenzlage von Lebensversicherungsunternehmen. Es sind drei Bereiche, in denen es wirkt: Die Veränderung der Beteiligung der Versicherungsnehmer an den Bewertungsreserven von festverzinslichen Anlagen führt zu einer Verbesserung der Solvabilität. Diese Verbesserung wird aber durch den politischen „Kuhhandel“, die Überschussbeteiligung bei den Risikogewinnen im Gegenzug von 75 Prozent auf 90 Prozent zu erhöhen, mehr als wettgemacht. Die letztlich resultierende starke Verbesserung der Solvenzlage durch das LVRG kommt dann aber durch die neu geschaffene Möglichkeit, die Überschussbeteiligung der Versicherungsnehmer durch eine Querverrechnung von Kapitalanlageverlusten mit z.B. Risikogewinnen zu reduzieren. Letztlich geht es darum, Mittel jetzt nicht unnötig auszuschütten, weder an Versicherungsnehmer noch an Aktionäre, um für die kommenden schwierigen Jahre gerüstet zu sein. Insgesamt sind damit aus meiner Sicht von Seiten des Gesetzgebers die richtigen Schritte unternommen worden, wenngleich die Erhöhung der Überschussbeteiligung bei den Risikogewinnen hinsichtlich der angestrebten Verbesserung der Solvenzlage kontraproduktiv war. Auch ist im politischen Hickhack um das LVRG wertvolle Zeit, die man für die Verbesserung der Situation hätte nutzen können, vertan worden.

Was müssen Lebensversicherer in Produktpolitik und Kapitalanlagemanagement bei unveränderter Zinslage umso mehr im Fokus halten?

In der Produktpolitik ist es nach meinem Dafürhalten der einzig richtige Weg, Garantiezinsen in Lebensversicherungsprodukten freiwillig noch stärker zu senken. Z.B. auf eine Kapitalerhaltungsgarantie. Man muss versuchen, die Kunden davon zu überzeugen, dass in diesem Fall „weniger“ „mehr“ ist. Ein „Weniger“ an Garantien bedeutet keinen Verzicht auf Garantien und eröffnet den Lebensversicherungsunternehmen die Möglichkeit, im Sinne der Kunden höhere Kapitalanlagerisiken einzugehen, z.B. durch ein erhöhtes Aktienengagement oder durch Investitionen in Infrastrukturprojekte. Nur dadurch erhöhen sich die Chancen auf ein attraktives „Mehr“ in der Überschussbeteiligung. Und letztlich bewahrt man dadurch Lebens- und Rentenversicherungsprodukte davor, „langweilig“ im Sinne einer sehr bescheidenen Performance zu werden. Attraktivere Lebensversicherungsprodukte mit hohen Gewinnaussichten bei einer Begrenzung der Verluste erhöhen im Übrigen auch die Attraktivität der kapitalgedeckten Altersvorsorge, ein wichtiger Aspekt vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung in Deutschland (siehe auch POLITICS).

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Rafael Kurz.

Bild: Prof. Dr. Helmut Gründl, Goethe-Universität Frankfurt. (Quelle: Gründl)

Link: The Effects of a Low Interest Rate Environment on Life Insurers von Prof. Helmut Gründl und Elia Berdin (PDF)

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