Versicherungswirtschaft-heute

          Mobilversion

 

- Anzeige -

Exklusiv: Prognos-Chefökonom Michael Böhmer zur GDV-Studie

15.04.2014 – boehmer“Ein Höchtsmaß an Konsistenz” gewährleiste das makroökonomische Prognosemodell View, auf dessen Basis die Prognos-Studie zur Altersversorgung erstellt wurde. Michael Böhmer, Chefökonom des Prognos-Instituts, das im Auftrag des GDV gearbeitet hat, exklusiv im Interview mit VWheute, zu den Ergebnissen, die heute in Berlin vorgestellt werden.

“Alle Prognosen für die Gesetzliche Rentenversicherung in gesamtwirtschaftliche Entwicklungen eingebettet. Wenn sich also beispielsweise langfristig das Wachstum in China abschwächt, spürt dies mittelbar über alle Verflechtungen auch die Rentenversicherung in Deutschland”, sagt Böhmer : “Viele andere Rentenmodelle berücksichtigen die gesamtwirtschaftliche Entwicklung hingegen als exogene Setzung. Gleichwohl ist ein solcher langfristiger Prognosehorizont nicht mit unvertretbaren Unsicherheiten behaftet. Sowohl die Entwicklung der Gesamtwirtschaft als auch – und vor allem – die der gesetzlichen Rentenversicherung ist zu einem großen Teil von der Demografie abhängig. Und die demografische Entwicklung ist auch bis ins Jahr 2050 schon weitgehend determiniert, da die meisten Menschen, um die es dann geht, schon heute leben.”

VWHeute: Welche Einschnitte – politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Art – haben für geänderte Vorzeichen bei der Altersversorgung gesorgt?

Michael Böhmer: Alles entscheidend ist die demografische Alterung der deutschen Gesellschaft. Bis 2050 wird sich der sogenannte Altenquotient gegenüber heute von 34 auf 61 nahezu verdoppeln. Das heißt, im Jahr 2050 entfallen rechnerisch 61 Menschen im Rentenalter auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter. Dabei wirkt ein „doppelter“ Alterungsprozess. Zum einen steigt die Lebenserwartung, zum anderen liegt die Geburtenrate in Deutschland seit Ende der 1970er Jahren annähernd konstant auf dem geringen Niveau von knapp 1,4 Kindern pro Frau im gebärfähigen Alter, so dass zunehmend weniger erwerbstätige Menschen nachkommen. Gleichzeitig gehen die geburtenstarken Jahrgänge der 1955-1970 („Baby-Boomer“) verstärkt in Rente. Etwa ab 2040 wird sich die Alterung dann spürbar verlangsamen.

Die schwächeren Wachstumsaussichten hingegen – wir erwarten bis 2050 nur noch ein Trendwachstum des Bruttoinlandsprodukts in Deutschland in Höhe von etwa einem Prozent – spielen keine entscheidende Rolle. Nach Maßgabe der Rentenformel wirkt ein geringeres Wachstum, wenn es mit einem geringeren Lohnsummenwachstum einhergeht, langfristig nicht destabilisierend. Denn der verschlechterten Einnahmebasis stehen geringere Ausgaben gegenüber. Beitragssatz und Sicherungsniveau werden durch das Wirtschaftswachstum dem Grunde nach nicht berührt. Wohl aber fallen die absoluten Rentenanpassungen in Euro umso niedriger aus, je niedriger das Wachstum ist.

VWHeute: Inwieweit geben Sie konkrete Handlungsanweisungen und an wen?

Michael Böhmer: Wir zeigen in unserer Studie, dass die rentenpolitischen Maßnahmen seit dem Jahr 2001 einen wirksamen und ausgewogenen Kompromiss zwischen den Zielen der Stabilisierung der Beitragssätze und des Sicherungsniveaus darstellen. Ein Zurückdrehen dieser Reformen würde die Beitragssätze langfristig um fast sechs Prozentpunkte ansteigen lassen. Diese Ergebnisse zeigen, dass eine Rückkehr zur Gesetzgebung vor 2001 nicht sinnvoll sein kann.

Im Hinblick auf die „Mütterrente“ und die „Rente mit 63“ ist der Befund ebenfalls eindeutig: Beide Maßnahmen führen – wenn sie hauptsächlich durch Beiträge finanziert werden – zu einem Anstieg des Beitragssatzes und zu einem Absinken des Sicherungsniveaus. Möchte man diese Maßnahmen aus verteilungspolitischen Gründen umsetzen, müssten sie als versicherungsfremde Leistung steuerfinanziert sein. Unter arbeitsmarktpolitischen Gesichtspunkten und vor dem Hintergrund, dass Deutschland auf einen massiven Fachkräftemangel zusteuert, kann die „Rente mit 63“ in keinem Fall als sinnvoll bezeichnet werden.

Schließlich zeigen wir mit der Studie, dass kapitalgedeckte Komponenten eine wichtige Ergänzung der umlagefinanzierten Alterssicherung darstellen. Sie bieten die Möglichkeit, verstärkt eine wichtige Quelle des Volkseinkommens zu nutzen, nämlich Kapitalerträge, die in Deutschland gesamtwirtschaftlich mehr als 30 Prozent ausmachen. Zudem eröffnen sie Anlagemöglichkeiten im wachstumsstarken Ausland. Insgesamt vermag ein substanzieller Kapitalanteil das Renditepotenzial für die Altersversorgung zu erhöhen. (ku)

Foto: Michael Böhmer stellt heute zusammen mit Bert Rürup (Handelsblatt Research Institute) und GDV-Chef Alexander Erdland die Ergebnisse der Prognos-Studie zur Altersversorgung vor. (Quelle: Prognos)

Links: POLITICS, KÖPFE

- Anzeige -
- Anzeige -
- Anzeige -

 

VVW | Kontakt | AGB | Datenschutzerklärung | Impressum | Mediadaten