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Exklusiv: DAV-Chef Rainer Fürhaupter im Interview

29.04.2014 – fuerhaupter-150Niedrige Garantien in der heutigen Form führten unter Solvency II zu einem hohen Bedarf an Risikokapital, erklärt Rainer Fürhaupter, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung DAV im Exklusivinterview mit VWheute. Zu den Herausforderungen der klassischen Altersvorsorge und zum Run-off in der Lebensversicherung bezieht er Stellung.

“Das beherrschende Thema der letzten Monate war die Auswirkungen der anhaltenden Niedrigzinsphase insbesondere für die Lebensversicherung, aber auch für die anderen Versicherungssparten.” Anlässlich der Jahrestagung, die aktuell in Bonn stattfindet (siehe MÄRKTE), geht Rainer Fürhaupter auf die aktuellen Themen des DAV:

Fürhaupter: In unserem Zinsbericht 2015 empfehlen wir eine Absenkung des Höchstrechnungszinses in der Lebensversicherung auf 1,25  Prozent zum 1. Januar 2015. Zwar werden die Zinsentwicklungen fortlaufend von uns überprüft, bisher gibt es allerdings keine Anzeichen für eine nachhaltige Erholung. Vor diesem Hintergrund ist die Stärkung der Risikotragfähigkeit in der Lebensversicherung ebenfalls ein sehr wichtiges Thema: Die DAV hat sich für eine Neuregelung der Beteiligung der Versicherungsnehmer an den Bewertungsreserven ausgesprochen. Damit soll der faire Interessenausgleich zwischen ausscheidenden und im Versichertenkollektiv verbleibenden Versicherungsnehmern wieder hergestellt werden.

Gleichzeitig werden wir Aktuare uns aber auch mit der Frage auseinandersetzen müssen, welche Versicherungs- und Altersvorsorgeprodukte vor dem Hintergrund zunehmend schwieriger Kapitalmarktbedingungen noch möglich, aber auch attraktiv für die Versicherungsnehmer sein werden. Das Zusammenspiel von niedrigen Zinsen und langfristigen Garantien bei klassischen Vorsorgeprodukten ist schon heute problematisch; dies wird sich ab 2016 mit der Einführung des neuen europäischen Aufsichtssystems Solvency II noch deutlich verstärken. Wir bringen uns als DAV sehr aktiv in die nationalen und internationalen politischen Diskussionen zur finalen Ausgestaltung von Solvency II ein, vor allem zu den Technical Guidelines, die die Arbeit der Aktuare zukünftig wesentlich bestimmen werden.

VWheute: Wo sehen die Aktuare die Risiken für die Versicherungswirtschaft in Zeiten staatlicher und europäischer Regulierung?

Fürhaupter: Künftig werden unter Solvency II die Risiken des Versicherungsgeschäfts konsequent nach ökonomischen Kriterien bewertet. Dies ist aus aktuarieller Sicht zunächst uneingeschränkt zu begrüßen. Für die langfristigen Garantien im bestehenden Lebensversicherungsgeschäft wurden Übergangsregelungen gefunden; das Neugeschäft hingegen wird zukünftig den neuen Anforderungen vollumfänglich genügen müssen. Um Solvency II erfolgreich einzuführen, kommt der nun laufenden Vorbereitungsphase eine entscheidende Bedeutung zu. Die von der Bafin im Sommer geplante Vollerhebung unter den Lebensversicherungsunternehmen wird sicherlich noch einmal genauer zeigen, wo noch Handlungsbedarf besteht. Ziel muss es sein, für die deutsche Versicherungswirtschaft praxisgerechte Rahmenbedingungen zu schaffen, aber auch die Unternehmen werden sich auf Solvency II schnellstmöglich einstellen müssen.

VWheute: Welche Handlungsempfehlungen können Sie als Mathematiker und Strategen geben?

Fürhaupter: Wie oben schon angesprochen, werden sich die Versicherungsunternehmen, aber auch die Aktuare intensiv mit der Frage der zukünftigen Produktgestaltung befassen müssen. Der Bedarf an persönlicher Absicherung im Alter nach einem kollektiven Modell, das auch dem demografischen Risiko Rechnung trägt, ist weiterhin groß. Wir wissen aber, dass schon niedrige Garantien in der heutigen Form unter Solvency II zu einem hohen Bedarf an Risikokapital führen werden. Es ist also wichtig, über Innovationen nachzudenken, die das Risiko reduzieren, dabei aber die wesentlichen Leistungsmerkmale der klassischen Lebensversicherung beibehalten. Hier ist auch die Politik gefordert, bestehende handels- und aufsichtsrechtliche Anforderungen an die Versicherungsprodukte zu überdenken, um die Lebensversicherung für die Altersvorsorge zu erhalten.

VWheute: Wie schätzen Sie aus Aktuarssicht die anstehende Run-off-Welle in der Lebensversicherung ein?

Fürhaupter: Die weitere Entwicklung bleibt erst einmal abzuwarten. Fakt ist, dass die hohen Zinsgarantien der Vergangenheit unter Solvency II eine besondere Herausforderung für das Risikomanagement der Unternehmen darstellen. Hier sind die Versicherungsunternehmen gefragt, individuelle Lösungen zu finden und auch über andere Neugeschäftsmodelle nachzudenken. (ku)

Foto: Rainer Fürhaupter bezieht Stellung zu aktuellen Themen der DAV (Quelle: DAV).

Link: DAV: Experten tagen zur Zukunft der Versicherer (MÄRKTE, Tagesreport, 29.04.2014)

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