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“Es geht nicht um das Mögliche, es geht um das Sinnvolle”

18.12.2015 – Schreiber_AkquinetVersicherer sind in der Gefahr, beim Rennen um die Kfz-Telematik ins Hintertreffen zu geraten. Potenziale für die Nutzung von Daten gibt es genügend, sagt Eric Schreiber, Datenschutzexperte des Service Providers und Softwareherstellers Akquinet, im Interview mit VWheute. Denn sowohl bei der Tarifierung als auch bei der Assistance stecke die Entwicklung noch in den Kinderschuhen.

VWheute: Daten sind der Rohstoff für Geschäfte mit der Telematik. Wer die Daten hat, kann das Geschäft machen: Wer macht ihrer Ansicht nach das Rennen?

Eric Schreiber: Momentan ist nicht klar, wer in dem Rennen vorne liegt: die Automobil-Hersteller, der Aftersales-Markt, die Versicherer oder Internet-Unternehmen wie Google und Apple. Die Versicherungen haben im Vergleich zu den Automobilherstellern den Nachteil, dass diese direkt die Fahrzeugelektronik auswerten können. Die Versicherer müssen die Datenerhebung auf alternativen Wegen durchführen. Auch IT-Unternehmen wie Google und Apple werden mittelfristig dem Automobilmarkt beitreten. Es ist davon auszugehen, dass dies mit neuen Nutzungsmodellen einhergeht, auf Basis einer deutlich tieferen Datenvernetzung. Ein Szenario: Man verlässt wegen eines Kalendertermins des Smartphones das Haus und vor der Tür steht schon das Fahrzeug bereit, welches einen automatisiert zum Ort des Termins bringt. Dies hat das Potenzial, unsere Gesellschaft dauerhaft zu verändern, sofern die Unternehmen genaue Bewegungsprofile anlegen können. Es ist Aufgabe der Versicherungsunternehmen, hier nicht ins Hintertreffen zu geraten und mit sicheren Produkten wettbewerbsfähig zu bleiben.

VWheute: Wo sind die Potenziale der Datennutzung für die Versicherer?

Eric Schreiber: Im Connected Car werden an bis zu hundert Stellen Daten erhoben, ob im Online-Entertainment, im Park-Assistenzsystem, in der Fahrzeugelektronik oder über die Telematik-Anwendung. Interessant für Versicherer sind alle Informationen zum Fahrverhalten: Wann wird wie und wohin gefahren? Hieraus können sie Modelle ableiten wie die Tarifierung nach Fahrweise (PAYD) oder zusätzliche Tarifierungsmerkmale, wie z. B. Regionalklasse nach tatsächlicher Hauptnutzung und nicht nach Zulassungsort. Ein großes Potenzial bieten Informationen zu Unfällen. Wenn die Versicherer hier die erste Kontaktstelle sind, können sie ihre Partnerwerkstätten einbinden und so eine effiziente Schadensteuerung in ihrem Sinne gewährleisten. Problematisch ist aber, dass die Versicherer nur eingeschränkte Möglichkeiten haben, die Daten zu erhalten. Überwiegend werden diese von den anderen Marktbegleitern erhoben.

VWheute: Welche Dreh- und Angelpunkte müssen verknüpft werden, damit Telematik sowohl bei Tarifierung als auch Assistance die volle Wirkung entfaltet?

Eric Schreiber: Sowohl bei der Tarifierung als auch bei der Assistance, also Einsatz von eCall und bCall, steckt die Entwicklung noch in den Kinderschuhen. Momentan sehe ich viel Potenzial in der viel genaueren und effizienteren Datenerhebung. Darüber hinaus wäre die Verknüpfung der Telematikdaten mit Informationen zu Beschleunigungs- und Bremsverhalten, Wetter- und Verkehrsflussdaten interessant. Doch es geht nicht um das Mögliche, sondern um das Sinnvolle. Das Verknüpfen der Datenquellen führt zu einem derzeit noch nicht kalkulierbaren Sicherheits- und Datenschutzrisiko. Daher sollten solche Ansätze zwar verfolgt und getestet, aber nicht kurzentschlossen eingeführt werden. Hier bedarf es der genauen Abstimmung und Abwägung zwischen allen Interessen und der frühzeitigen Einbindung der betrieblichen Datenschützer und der Behörden. Grundsätzlich sind die Themen aber aus meiner Sicht lösbar.

VWheute: Welche Hürden bestehen im Datenschutz? Wie können hier Versicherer mit Transparenz punkten?

Eric Schreiber: Die Transparenz steht relativ weit hinten in der Argumentation gegenüber den Versicherungsnehmern, ist aber trotzdem ein zentrales Anliegen. Zunächst geht es um den Nutzen der Telematiktarife: Sie müssen deutlich günstiger und gerechter sein und mehr Sicherheit bieten. Hier sind die Versicherungen gerade intensiv damit beschäftigt, weitere Services für ihre Kunden zu entwickeln. Erst wenn der Nutzen überzeugend ist, wägen die Kunden dies mit den Sicherheitsrisiken ab. Will ich, dass Dritte mein Fahrverhalten analysieren? Um hier Vertrauen aufzubauen, müssen die Versicherer neben der Telematik-Box selbst auch alle Kommunikationskanäle, Endgeräte und das Backend auf ihre Sicherheit überprüfen. Themen wie verschlüsselte Kommunikation, Berechtigungsmanagement und Sicherheitsvorkehrungen im Rechenzentrum müssen geklärt sein. Der Kunde muss wissen, wann, wo und in welchem Umfang Daten erhoben, wo sie gespeichert und wie sie wem zur Verfügung gestellt werden.

Bild: Eric Schreiber, Datenschutzbeauftragter Akquinet AG (Quelle: Akquinet)

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Rafael Kurz.

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