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Erntepolicen: Deutschland hinter seinen Möglichkeiten

16.01.2015 – Rainer Langner_Vereinigte HagelversicherungDie staatlich geförderte Ernteversicherung wächst weltweit stark. Treiber sind Klimawandel und Versorgungssicherheit, da ein hohes Interesse für die Sicherheit landwirtschaftlicher Produktion vorliegt. „Speziell für Deutschland werden die Möglichkeiten, die die gemeinsame Agrarpolitik in ihrem Regelwerk vorsieht, nicht genutzt“, kritisiert Rainer Langner, Vorstandschef der Vereinigte Hagelversicherung, im Interview mit VWheute.

VWheute: Welche Schadenbilanz können Sie für das vergangene Jahr ziehen?

Langner: Nach dem Extremjahr 2013 war das Jahr 2014 deutlich gemäßigter und führte zu einem positiven Jahresergebnis. Dies liegt insbesondere auch an der sehr positiven Schadenbilanz in Süddeutschland. Bayern hat ein historisch niedriges Schadenjahr. Anders sieht es dagegen in Nordrhein-Westfalen, Nordhessen und Niedersachsen aus. Hier erinnern wir an die Unwetter über Pfingsten im Rheinland oder die Extremniederschläge mit bis zu 292 mm am 28. Juli 2014 in Münster. Dies entspricht rund 40 Prozent der durchschnittlichen Niederschlagsmenge pro Jahr an nur einem einzigen Tag.

VWheute: Welche Veränderungen bei Policen gab es und welche werden stärker nachgefragt?

Langner: Die Schäden aus dem Jahr 2013 erhöhten die Nachfrage nach der Mehrgefahrenversicherung. Die reine Hagelversicherung wird sukzessive ergänzt um Versicherungsschutz gegen Starkregen, Sturm und auch Starkfrost. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass nicht mehr nur Hagel für Ertragsausfälle verantwortlich ist. Das Sturmtief Gonzalo sorgte beispielsweise noch im Oktober letzten Jahres mit schweren Orkanböen für flächendeckende Verluste auf dem Feld. Auch wenn wir über Klimawandel und Erderwärmung reden – das Starkfrostrisiko wird dadurch nicht gemindert. Vielmehr kann der Wechsel von wärmeren Abschnitten mit kurzen extremen Frösten dazu führen, dass die Pflanzenbestände erheblich geschädigt werden, zum Beispiel im Weinbau. Nebenbei bemerkt: Mit acht Millionen Hektar versicherter Ackerfläche liegt die Durchversicherung in Deutschland bei rund 75 Prozent, sodass eine Änderung bei den Policen nur in Form des Umfanges des Versicherungsschutzes merklich zu sehen wäre.

VWheute: Hat sich im Bereich der staatlich geförderten Ernteversicherung mittlerweile etwas getan?

Langner: Das Thema staatlich geförderte Ernteversicherung ist in der Europäischen Union und weltweit nach wie vor ein hochaktuelles Thema. Weltweit ist die Ernteversicherung stark wachsend, da angesichts von Klimawandel und Versorgungssicherheit ein hohes Interesse für die Sicherheit landwirtschaftlicher Produktion vorliegt. Speziell für Deutschland werden die Möglichkeiten, die die gemeinsame Agrarpolitik in ihrem Regelwerk vorsieht nicht genutzt und Tendenzen dazu sind im Moment nicht zu erkennen. Anders sieht es hingegen in unseren Nachbarländern wie den Niederlanden, Luxemburg oder Polen aus – dort hat die Landwirtschaft offenbar einen höheren Stellenwert, sodass die Versicherung als Public Private Partnership unterstützt wird.

VWheute: Wo besteht derzeit Handlungsbedarf in der Agrarversicherung?

Langner: Im Rahmen eines Forschungsprojektes des Bundeslandwirtschaftsministeriums wird zurzeit geprüft, welche Auswirkungen Extremwetterlagen auf die Landwirtschaft haben können. Als Ergebnis kann die Studie zur Folge haben, dass hier Handlungsbedarf gesehen wird, z. B. wenn die derzeitigen Absicherungsmöglichkeiten gegen Extremwetter aus politischer Sicht verbessert werden müssen. Wir werden diese Studie abwarten müssen, um zu sehen, welche Entwicklungen sich daraus ableiten lassen. Zumindest ist Deutschland nicht das Land, das den umfassendsten Versicherungsschutz ermöglicht. Hier gibt es in direkter Nachbarschaft, wie den Niederlanden, Luxemburg, Österreich, aber auch Italien und Frankreich Versicherungsangebote, die einen deutlich weitergehenden Versicherungsschutz beinhalten und Schäden durch eine Vielzahl von Extremwettersituationen abdecken.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteurin Katja Schuld.

Bild: Rainer Langner ist Vorstandsvorsitzender der Vereinigte Hagelversicherung (Quelle: Vereinigte Hagel)

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