Versicherungswirtschaft-heute

          Mobilversion

 

Ist die Fragmentierung der Kollektive unumkehrbar?

19.03.2015 – Oletzky_brsDie Fragmentierung von Versichertenkollektiven ist bereits seit längerem in vielen Bereichen nachzuvollziehen, sagte Aktuar Guido Bader, Vorstandsmitglied der Stuttgarter Lebensversicherung und Stuttgarter Versicherung. Dies lasse sich etwa an der Entwicklung bei der Berufsunfähigkeitsversicherung ebenso ablesen wie in der Kfz-Versicherung. Bei der Rückkehr zu Unisex-Tarife sei es zwar wieder zu einem größeren Kollektiv gekommen.

Der Aktuar dürfe aber bei der Prämienkalkulation die Augen vor der Wirklichkeit nicht verschließen. Schließlich ändere eine Gesetzesvorgabe nicht die Langlebigkeit von Frauen, erläuterte er bei dem von Ergo-Vorstandschef Torsten Oletzky moderierten Fachgespräch. “Wir haben einen eindeutigen Trend zur Fragmentierung, der nicht mehr aufhaltbar ist”, ist sich Bader sicher.

Allerdings gebe es trotz einer sich etwa alle zwei Jahre verdoppelnden Datenflut Grenzen: Diese liegen für den Mathematiker in der fehlenden statistischen Signifikanz und fehlenden Stabilität der Merkmale (das Merkmal Familienstand könne sich schnell ändern). Auch könnten Verbraucher bewusst Daten zurückhalten. Bader fand es allerdings bemerkenswert, mit welcher Gleichgültigkeit heute jüngere Menschen mit ihren Daten umgehen und diese öffentlich zugänglich machen.

Für Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands (VZBV), ist die zunehmende Fragmentierung nicht nur auf Vorgaben des Gesetzgebers (etwa für Unisex-Tarife oder Förderprodukte wie die Riester- und Rürup-Rente) zurückzuführen. „Der Gesetzgeber hat die Fähigkeit der Versicherer zur Produktgestaltung unterschätzt“, sagte Müller unter Hinweis auf die Vielfalt von Kfz-Tarifen, Scheininnovationen oder Prämienprodukte, die Verbraucher in überzogener Sicherheit wiegen würden. Den Menschen müsse vielmehr der Zugang zu Basisprodukten eröffnet werden. Ein solches Produkt wäre eine Allgefahrenabsicherung mit einer Opting-Out-Option für nicht gewünschte Absicherungen.

Müller versicherte dabei, dass er nicht den Weg zurück in die staatliche Versicherungsregulierung gehen wolle. “Aber alle Freiheit nur für uns (Versicherer), und kein Gedanken an Solidarität, das geht nicht“, sagte Müller, der zugleich zur Vorsicht im Umgang mit Big Data mahnte und hier den Datenschutz festzurren möchte. Professor Dirk Looschelders von der Universität Düsseldorf zeigte Grenzen der Fragmentierung auf. Die Versicherbarkeit des kleinen Kollektivs etwa bei den freiberuflichen Hebammen mache deutlich, dass dann der Staat korrigierend eingreifen müsse.

Ähnlich verhalte es sich mit Versicherbarkeit von Gebäuden in stark hochwassergefährdeten Gebieten. Ein Diskussionsteilnehmer wies allerdings darauf hin, dass eine verpflichtende Elementarschutzversicherung zwar zu einem großen Kollektiv führe. Dabei würden aber Bewohner auf der Anhöhe letztlich nur die Schäden der Bewohner am Wasser finanzieren, wobei sich dann auch noch mehr Menschen am Wasser ansiedeln würden. Looschelders warnte vor einer Atomisierung von Kollektiven über eine ausufernde Telematik im Kfz-Bereich oder den “gläsernen” Patienten. Letztlich könne ein noch so vorsichtiger Autofahrer einen Unfall bauen und auch der gesundheitsbewusst Lebende plötzlich erkranken. (brs)

Bild: Ergo-Vorstandschef Torsten Oletzky moderierte ein Fachgespräch zur Fragmentierung der Kollektive bei der Jahrestagung des DVfVW. (Quelle: brs)

- Anzeige -
- Anzeige -
- Anzeige -

 

VVW | Kontakt | AGB | Datenschutzerklärung | Impressum | Mediadaten