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“An Solvency II geht kein Unternehmen zu Grunde”

16.11.2016 – Wrabetz Wolfram Helvetia_An Solvency II scheiden sich die Geister. Die EU und Verbraucherschützer pochen auf den Kundenschutz. Die Versicherer ächzen unter den Vorgaben. Der ehemalige Chef der Helvetia, Wolfram Wrabetz, sagt im Gespräch mit VWheute, dass er keine Überregulierung sehe. Belastend wirke vielmehr die “Zinspolitik und erhöhte Schadenaufwendungen”.

VWheute: Solvency II stellt an die Versicherungsunternehmen (VU) hohe Anforderungen, die Überwachung steigt und die Niedrigzinsphase belastet zusätzlich. Ist die Last für die Versicherer zu hoch?

Wolfram Wrabetz: Nein, die Belastungen, denen die Versicherer, insbesondere die Lebensversicherer ausgesetzt sind, liegen primär nicht an Solvency II, sondern an den äußeren Umständen wie der Zinspolitik der Zentralbanken oder den erhöhten Schadenaufwendungen aufgrund von verstärkt vorkommenden Wetterphänomenen im Kompositbereich. Allerdings macht das neue Regime die daraus resultierenden Belastungen für das Eigenkapital der Unternehmen viel stärker deutlich, als dies unter Solvenz I der Fall war. Das war aber auch die Absicht und das Ziel der neuen Regulierung, die ja prinzipien- und risikobasiert angelegt ist und deshalb Warnfunktion hat, um Insolvenzgefahren frühzeitig aufzudecken.

An Solvenz II kann kein Unternehmen zu Grunde gehen, wohl aber an anderen Faktoren – selbst mit ihm. Ob Versicherer durch beispielsweise eine lang anhaltende Niedrigzinsphase überfordert sind, ist eine ganz andere Frage die sich jetzt noch nicht beantworten lässt. Allerdings reduziert die Einführung der Zinszusatzreserve und die im VAG vorgesehene vierstufige Aufsichtsleiter das Risiko erheblich. Danach ist ein ausgeklügeltes System von Anzeigepflichten, Selbst- und Fremdhilfemaßnahmen vorgesehen, die eine Schädigung der Interessen der Versicherten und eine Insolvenz von Versicherungsunternehmen mit 99,5 Prozent Wahrscheinlichkeit verhindern sollen und in bestimmten Fällen hoffentlich auch werden.

Dies führt aber nicht an der Erkenntnis vorbei, dass, wenn alle vorgesehenen aufsichtsrechtlichen Maßnahmen nicht greifen, eine Insolvenz auch unter dem neuen Regime nicht mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden kann. Dies aber nicht wegen, sondern trotz Solvenz II. Allerdings haben wir in der gegenwärtigen Anfangsphase der neuen Regulationsmechanismen trotz erheblicher Schwankungen in der Bedeckung, soweit ersichtlich, keinen einzigen Fall ernsthafter Existenzbedrohung eines Wettbewerbers in Deutschland. Die Lasten sind gegenwärtig zwar hoch und höher als früher aber noch beherrschbar.

VWheute: Nach dem Prudent Person Principle dürfen Versicherer, verkürzt dargestellt, nur in Vermögenswerte investieren, deren Risiken Sie einschätzen und steuern können. Was bedeutet das konkret? Können Sie ein Praxisbeispiel nennen?

Wolfram Wrabetz: Das Einschätzen von Risiken, auch im Kapitalanlagebereich, gehörte schon immer zum Selbstverständnis und zur Kernkompetenz von Versicherern. In Zeiten des Anlagenotstandes ist es aber notwendig, neue, alternative Anlageformen zu suchen, zu denen sie bisher nicht gezwungen waren und deshalb auch weniger Erfahrung mitbringen. Denken Sie bitte ganz konkret an Infrastrukturprojekte, Private Equity oder Kreditvergaben, um nur einige Beispiele zu nennen. Versicherer sind aber nicht nur in einer Volkswirtschaft sehr große, sondern zwangsläufig auch sehr professionelle Kapitalanleger die über das entsprechende Know-how verfügen oder es sehr schnell aufbauen werden, wenn Sie gezwungen sind, sich damit auseinander zu setzen.

Der branchenimmanente Umgang mit Risiken kommt ihnen dabei meiner Meinung nach unter PPP zugute und kann verhindern, dass von Kapitalanlegern Risiken eingegangen werden, die sie in letzter Konsequenz nicht übersehen, wie wir das in anderen Sektoren der Finanzindustrie leider erlebt haben und was letztlich zur Krise an den Kapitalmärkten geführt hat. Es ist unbestritten, dass die Versicherungswirtschaft in Deutschland zu keinem Zeitpunkt die Schwierigkeiten, denen sie zum Teil heute auch ausgesetzt ist, durch eigenes Verhalten auf dem Kapitalanlagesektor herbeigeführt hätte. Im Gegenteil: Sie ist gut über den Höhepunkt der Finanzkrise gekommen und hat jetzt mit den Folgen der Maßnahmen zu kämpfen, die von dritter Seite, insbesondere von den Zentralbanken ergriffen werden müssen, um diese in den Griff zu bekommen. Das wird sich auch unter Prudent Person Prinzipal nicht ändern.

VWheute: Besteht nicht eine Überregulierung am Markt, die es den Versicherungsunternehmen unmöglich macht, weiter Garantien auszugeben?

Wolfram Wrabetz: Die Gefahr der Überregulierung macht sich für mich nicht so sehr an der Frage der Garantien als vielmehr an der, meiner Meinung nach, völlig unbeantworteten Frage des Wettbewerbs fest. Ob Garantien gegeben werden können oder nicht, hängt zwar auch mit deren regulatorisch vorgegebenen Auswirkung auf das Solvenzkapital zusammen, ursächlich ist jedoch die mangelnde Möglichkeit, diese am Kapitalmarkt verdienen zu können, was im neuen Regime eben logischerweise zu höheren Eigenkapitalanforderungen führt.

Das ist ein Aspekt, den ich aber nicht als den Hauptgrund dessen betrachte, was gemeinhin mit dem Vorwurf der Überregulierung verbunden ist. Leider ist heute vielerorts längst vergessen, dass die Deregulierung der 90er Jahre einem Hauptziel diente, nämlich der Einführung von mehr Wettbewerb auch in der Versicherungswirtschaft. Viele haben, wegen der Besonderheiten dieses Wirtschaftszweiges gewarnt, weil die Folgen eines Konkurses, der in der restlichen Wirtschaft als Ultima Ratio akzeptiert ist, für die Kunden von Versicherungsunternehmen oft selbst existentielle Folgen haben. Spezielle unter dem Eindruck der Finanzkrise während des Entstehungsprozesses von Solvency II, hat dieser Aspekt auch auf Seiten der Politik und der Regulatoren neue (alte) Bedeutung erlangt. Die daraus resultierenden Befürchtungen haben – in bester Absicht – zu dem geführt, was heute eben teilweise zum Vorwurf der Überregulierung führt.

Anders ausgedrückt: Die in der Finanzkrise als reale Gefahr erkannte Möglichkeit der Schädigung von Versicherungsnehmerinteressen hat zu immer umfangreicherer Regulierung und damit zwangsläufig gleichzeitig zur teilweisen Aufgabe der De-Regulierungsziele früherer Jahre, mehr Wettbewerb mit höheren Risiken für den Bestand der Unternehmen zuzulassen, beigetragen. Die Frage, wie kommt Regulierung einerseits dem Interesse nach Sicherheit für die Kunden und gleichzeitig dem ebenfalls Kundennutzen stiftenden Wettbewerb nach, scheint mir die wirklich wichtige Frage nach der Zukunft von Solvency II zu sein, der der verkürzte Vorwurf der Überregulierung nicht gerecht wird.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.

Bild: Wolfram Wrabetz referiert heute auf der Veranstaltung “Aktuelle Kapitalanlagestrategien unter Solvency II & AnlV” in Frankfurt am Main. (Quelle: Euroforum)

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