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Agrarversicherer setzen auf PPP zur Risikominimierung

15.01.2016 – Rainer Langner_Vereinigte HagelversicherungDer Landwirtschaft droht durch den Klimawandel und Klimaschwankungen ein erhöhtes Risiko von Produktionsausfällen. Eine umfassende auf Private Public Partnership (PPP) basierende Risikominimierung zur Abfederung von Ertrags- und Einkommensschwankungen wird in den nächsten Jahren noch mehr an Bedeutung gewinnen”, betont Rainer Langner, Vorstandsvorsitzender der Vereinigten Hagel, im Exklusivinterview mit VWheute.

VWheute: Bis 2050 soll die Weltbevölkerung nach Berechnungen des World Economic Forum (WEF) auf neun Milliarden Menschen wachsen. Gleichzeitig droht der Landwirtschaft durch Wasserknappheit, Klimawandel und Klimaschwankungen ein erhöhtes Risiko von Produktionsausfällen. Wo sehen Sie angesichts dieser Entwicklung die aktuellen Herausforderungen für die Agrarversicherer?

Rainer Langner: Der Klimawandel mit seinen Auswirkungen auf die Landwirtschaft ist kein nationales oder kontinentales Problem, sondern eine globale Tatsache, auf die wir reagieren müssen. Neben der Vielfalt an Wetterextremen nimmt aber auch die Preisvolatilität landwirtschaftlicher Produkte global zu. Um die prognostizierten neun Milliarden Menschen ernähren zu können, bedarf es einer möglichst hohen Eigenversorgung bei Lebensmitteln, und dies wiederum setzt eine funktionierende und stabile Landwirtschaft in allen Regionen der Erde voraus. Grundsätzlich ist daher weltweit gesehen ein Trend zu beobachten von der ursprünglichen reinen Hagelversicherung in der Landwirtschaft hin zur umfassenden Ernteversicherung. Eine umfassende auf Private Public Partnership (PPP) basierende Risikominimierung zur Abfederung von Ertrags- und Einkommensschwankungen wird in den nächsten Jahren noch mehr an Bedeutung gewinnen. Denn nur landwirtschaftliche Betriebe, die langfristig kalkulieren und Ertragsschwankungen ausgleichen können, sind in der Lage ihren Beitrag zur Welternährung zu leisten.

PPP bedeutet, dass sich sowohl Staat als auch Landwirt am Risiko beteiligen und dies bei einer Versicherung in Deckung geben. In extremen Schadensfällen muss der Staat dann also keine ad-hoc-Entschädigungen mehr erbringen, da das Risiko über eine Versicherung abgedeckt ist und die Leistung von dort erbracht wird. Langfristig gesehen ist dies für die öffentliche Hand sicherlich die günstigere Alternative. Gerade bei Risiken wie Trockenheit, die nicht nur regional, sondern großflächig auftreten, und der umfassenden Ernteversicherung ist eine feste Partnerschaft von Landwirtschaft, Versicherungen und öffentlicher Hand erforderlich, um langfristig bezahlbare, wirksame und praktikable Programme zur Verfügung zu stellen.

In den USA und Kanada, aber auch in vielen europäischen Ländern wird diese Form der Zusammenarbeit bereits seit etlichen Jahren erfolgreich praktiziert. In Deutschland sind wir heute allerdings noch nicht so weit wie beispielsweise unsere Nachbarn in Österreich, in Luxemburg oder in den Niederlanden. Aber auch wenn es hierzulande zu keiner PPP kommen sollte, werden die deutschen Versicherer verlässlicher Risikopartner der Landwirte bleiben.

VWheute: Extreme Wetterereignisse haben immer häufiger Auswirkungen auf die Landwirtschaft, wie auch der Rekordsommer des Jahres 2015 zeigt. Wo sehen Sie derzeit Handlungsbedarf für die Agrarversicherer?

Rainer Langner: Sie haben vollkommen Recht, dass die Auswirkungen extremer Wetterereignisse auf die Landwirtschaft immer größer werden. Faktum ist, dass die Landwirtschaft mit ihrer Werkstatt unter freiem Himmel an ihren Standort gebunden ist. Im Gegensatz zur Industrie, die bei Verschlechterung von Rahmenbedingungen mit Werksverlegungen reagieren kann, müssen Landwirte an ihren Standorten mit den zunehmenden Wetterrisiken leben. Und dass die Anzahl der Tage mit extremen Wetterereignissen weiter zunehmen wird, da sind sich mittlerweile alle Wissenschaftler einig.

Neben den “klassischen” Gefahren wie Hagel und in den letzten Jahren auch Sturm und Starkregen wird zukünftig die Trockenheit eine bedeutende Rolle spielen. Die Prognosen gehen von einer Zunahme extrem heißer Tage und einem Rückgang der Niederschläge gerade im Frühjahr aus, wenn die Pflanzen sie am dringendsten benötigen. Nicht umsonst hat die Agrarministerkonferenz bereits im Oktober den Bund aufgefordert, “Dürreschäden infolge einer lang anhaltenden Trockenheit” den zuvor genannten Risiken auch in der Versicherungssteuer gleichzustellen. Hier besteht für die Agrarversicherer sicherlich Handlungsbedarf, die bereits bestehenden Angebote weiterzuentwickeln. Aber auch Schäden durch Stürme und Starkregen werden weiter zunehmen.

VWheute: Bislang ist nur in wenigen Entwicklungsländern ein entsprechender Markt für Agrarversicherungen etabliert. Wie können diese Länder bei der Entwicklung solcher Märkte stärker unterstützt werden?

Rainer Langner: Die weltweite Bedeutung von Public Private Partnership ist bereits herausgestellt worden. Auch für die Etablierung der Agrarversicherung in den Entwicklungsländern wäre dies mit Sicherheit eine Erleichterung. Auf der Weltklimakonferenz in Paris hat man sich bereits dieses Themas angenommen und Mittel für vorbeugenden Klimaschutz, aber auch für Aufgaben des Risikomanagements in den Entwicklungsländern zugesagt. Aber was können wir als Versicherungsunternehmen konkret tun, um diesen Prozess zu unterstützen? Eine wichtige Rolle spielt dabei sicherlich das Know-how, das wir zur Verfügung stellen können. Der Transfer erfolgt bereits sowohl bilateral zwischen einzelnen Versicherungen und staatlichen Stellen, aber auch über die Internationale Vereinigung der Agrarversicherer, AIAG, die den Expertenaustausch weltweit fördert.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Tobias Daniel.

Bild: Rainer Langner, Vorstandsvorsitzender der Vereinigten Hagel (Quelle: Vereinigte Hagel)

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