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Erste Ratssitzung in 2014 – das Dilemma der EZB

09.01.2014 – EZB-RatRelativ stabil präsentiert sich die Eurozone zum Auftakt des Jahres 2014. Die makroökonomischen Parameter signalisieren eine leichte Erholung. Die Inflation hat im Dezember etwas nachgelassen, der Arbeitsmarkt ist robust, zumindest in Deutschland. Vor diesem Hintergrund warten Wirtschaft, Politik und alle anderen Marktteilnehmer nur mit relativer Spannung auf die heute stattfindende erste Sitzung des Europäischen Zentralbankrats  in 2014. Experten sehen indes  EZB-Präsident Mario Draghi und sein Direktorium in einem klassischen Dilemma gefangen:

Darin verneint Mario Draghi, dass die EZB für die niedrigen Zinsen verantwortlich sei, vielmehr würden diese von den langfristigen Kapitalrenditen auf den globalen Finanzmärkten bestimmt. Außerdem weist er den Vorwurf zurück, die EZB-Politik niedriger Zinsen gehe zu Lasten der Sparer.

So kommentiert das Manager Magazin “Entweder können sie wie um die Jahreswende 2011/12 abermals in großem Stil Geld in die Banken pumpen, aber diesmal unter der Bedingung, dass diese Mittel an Unternehmen weiterverliehen werden müssen. Das wäre allerdings ein erheblicher Eingriff ins Geschäft der Banken, die genötigt würden, zusätzliche Risiken einzugehen. Oder die EZB kann Staatsanleihen vom Markt nehmen und so die langfristigen Zinsen senken – was allerdings nur die erhoffte Wirkung hätte, wenn sie Schulden der Euro-Krisenstaaten aufkaufte. Soweit aber darf die EZB offenkundig nicht gehen.”

Deshalb wird sich Draghi wohl auf sybillinische Andeutungen und Ermahnungen beschränken. Eine weitere Absenkung der Zinsen schließen Beobachter aus, auch das Gegenteil, eine Zinswende, mit für Versicherer unabsehbaren Konsequenzen, wird es vorerst nicht geben. Mittelfristig strebt die EZB eine Inflation auf Basis der Verbraucherpreise an, so Draghi. Doch was hier als Geldwertstabilität definiert wird, ist tatsächlich eine Geldentwertung. Unter Annahme einer Inflationsrate von 2,0 Prozent p.a. – das ist in etwa die Zielgröße der EZB – halbiert sich der Geldwert in nur 35 Jahren. Wenn man davon ausgeht, dass man rund 70 Jahre lang aktiv Geld ausgebend lebt, wird man also im Laufe seines Lebens mit einem Kaufkraftverlust von rund 75 Prozent konfrontiert. Ein Dilemma fürwahr, fragt sich nur für wen?

Eine Entscheidung wird es aber sehr wahrscheinlich auf jeden Fall geben: Als Nachfolgerin von EZB-Direktor Jörg Asmussen soll Sabine Lautenschläger in den Rat berufen werden. Siehe KÖPFE.

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Zu Draghis Zwickmühle eine Einschätzung für VWheute von Michael Wolgast, Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), auf die Fragen:

VWheute: Hat Draghi Recht?

Michael Wolgast: “Nein, die Aussagen von Draghi greifen zu kurz. Richtig ist zwar, dass die Zentralbank direkt nur die kurzfristigen Zinsen beeinflussen kann, und dass die langfristigen Zinssätze auch von einer Vielzahl anderer Faktoren abhängen. Einen Einfluss der Zentralbank auf die langfristigen Zinssätze z.B. auf den Anleihemärkten komplett zu verneinen, geht aber an der Wirklichkeit vorbei. Bis zuletzt zeigt die Entwicklung an den Finanzmärkten, dass die Erwartungen der Marktteilnehmer oder auch nur Ankündigungen von Zentralbanken zur Veränderung ihrer Geldpolitik erhebliche Auswirkungen haben. Im Übrigen zielt die Niedrigzinspolitik der EZB ja unter anderem auch explizit darauf, die Refinanzierungsbedingungen für Unternehmen und private Haushalte, aber auch für Banken und Staaten zu erleichtern, indem sie die langfristigen Zinsen beeinflusst.

Natürlich sind die niedrigen Kapitalmarktzinsen in Deutschland auch durch Kapitalbewegungen im Zuge der Eurokrise verursacht worden. Die Niedrigzinspolitik der EZB begünstigt hier aber eine Verschleppung der Ursachen der Krise, die einer Rückkehr zu normalen Zinsen zusätzlich im Wege steht.

Die EZB-Politik geht damit auf jeden Fall zu Lasten der Sparer in Deutschland. Die Sparer sind dabei nicht nur von den historischen Tiefstständen bei den langfristigen Zinssätzen betroffen, etwa im Bereich der Lebensversicherung, sondern auch durch die extrem niedrigen Zinssätze auf Spar- und Terminanlagen bei Banken, für die eher die kurzfristigen Zinssätze maßgeblich sind.”

VWheute: Wenn jetzt die Zinswende käme, wäre dann für die Versicherungsbranche wieder alles im Lot?

Michael Wolgast: “Die Versicherer treffen unabhängig von einer möglichen Zinswende Vorkehrungen, um auch eine länger anhaltende Niedrigzinspolitik abfedern zu können. Eine Zinswende würde allerdings zu deutlich verbesserten Neuanlagekonditionen führen. Die kämen den Kunden direkt zu Gute, dadurch dass der Rückgang der Überschussbeteiligung gestoppt werden könnte und perspektivisch auch wieder höhere Leistungen möglich wären.

Eine Abkehr von der Politik des billigen Geldes wäre aber auch aus anderen Gründen dringend geboten. Die Niedrigzinstherapie der EZB allein kann die strukturellen Probleme nicht lösen: Ohne Reformen zur Konsolidierung der Staatshaushalte und zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit wachstumsschwächerer Länder wird Europa nicht aus der Krise kommen. Die künstlich niedrigen Zinsen geben Fehlanreize und gehen in Deutschland zu Lasten aller Altersvorsorgesparer.” (ak)

Links: Niedrige Inflation setzt die EZB unter Druck, Sorge vor Deflation in Europa wächst

Foto: Entscheidet über das Wohlergehen der Eurozone: Der EZB-Rat. (Quelle: EZB)

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